Der Raketen-Mann aus der Prignitz

<strong>Bald Realität: </strong>Den nächsten Start einer Ariane-Rakte vom Weltraumbahnhof Kourou im August wird Frank Seefeld hautnah miterleben. <collage>SVZ</collage>
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Bald Realität: Den nächsten Start einer Ariane-Rakte vom Weltraumbahnhof Kourou im August wird Frank Seefeld hautnah miterleben. SVZ

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23. Juli 2010, 05:29 Uhr

Boddin | Als Frank Seefried am 25. März die Mail des Unternehmens Cegelec erhält, glaubt er zuerst an einen Witz. Die Anfrage lautete, ob er sich vorstellen könne, künftig auf dem europäischen Weltraumbahnhof bei Kourou in Französisch-Guyana, Südamerika, 500 km nördlich des Äquators, zu arbeiten. "Ich konnte es nicht glauben und musste alles erstmal sacken lassen", erzählt er im Gespräch mit dem "Prignitzer". "Die erste Überlegung war: ,Warum ausgerechnet ich? Ich bin doch nur Techniker! Doch dann habe ich meine Unterlagen zusammen gestellt und gleich zu Cegelec nach Paris geschickt."

Zwei Wochen später erhält der 46-Jährige einen Anruf vom deutschen Einsatzleiter direkt aus Kourou. "Das war eine Art Bewerbungsgespräch. Offenbar habe ich die richtigen Antworten gegeben, denn es folgte reger Mailverkehr mit Cegelec, in dem die Eckdaten des Einsatzes abgeklärt wurden. Man bat mich, mich in Französisch weiter zu bilden und mich auf meine Tropentauglichkeit hin untersuchen zu lassen." Vor Zwei Wochen traf Seefeld erstmals zwei Agenten von Cegelec in Berlin zum persönlichen Gespräch. "Da ging es aus meiner Sicht darum, auszuloten, ob ich ins Team passe, und vielleicht auch, ob ich Deutschland in Kourou ordentlich repräsentieren kann." Zudem seien letzte Details des Arbeitsvertrages und des Gehalts geklärt worden sowie der Abflugtermin: 31. Juli.

"Der 2. August ist mein erster Arbeitstag auf dem Weltraumbahnhof Kourou. Cegelec ist dort in drei Aufgabenfeldern aktiv. Zum einen montieren wir Satelliten und bereiten sie auf den Start ins All vor. Zweitens sind wir für die Wartung der Kühlsysteme, die in den Raketen vom Typ Ariane verbaut sind, verantwortlich. Das sind komplexe Anlagen, die mit flüssigem Stickstoff arbeiten und die Raketen kühlen, wenn diese sich beim Flug durch die Atmosphäre aufheizen. Das dritte Feld meiner Arbeit werden die Betankungsanlagen für die Raketen sein. Wartung und Betrieb obliegen Cegelec. Und da eine Rakete bis zum Abheben ständig betankt wird, sind meine zukünftigen Kollegen und ich quasi direkt am Start beteiligt."

Zwar hätte Frank Seefeld selbst nie gedacht, dass es ihn eines Tages in die Raumfahrttechnik führen würde, allerdings passt diese Station durchaus in seinen bunt gemischten beruflichen Lebenslauf. Nach der Schule macht der gebürtige Perleberger im Bahnbetriebswerk Wittenberge eine Ausbildung zum Motorenschlosser und beginnt dann eine technische Laufbahn bei der DDR-Volksmarine. "Ich wollte Seemann werden", erzählt er. "Da ich aber in einer Bergungseinheit eingesetzt war, wo viele Dinge passiert sind, die nicht an die Öffentlichkeit gelangen sollten, erhielt ich am Ende der Dienstzeit mein Seefahrtsbuch nicht ausgehändigt.

Nach der Marinezeit arbeitet er als Ausbilder und Heimerzieher beim Energiekombinat in Rostock. "Ein ziemlicher Bruch, aber mich reizte es, mich in einem ganz anderen Arbeitsfeld zu versuchen." In der Nachwendezeit nahm Frank Seefeld verschiedene Stellen als Sozialpädagoge bei caritativen Einrichtungen und Wohlfahrtsverbänden an. "Zwischenzeitlich war ich auch mal fünf Jahre selbstständig und kehrte schließlich zur ehrlichen Arbeit zurück, indem ich bei einer irischen Firma, die Schiffsbetriebsanlagen wartet, anfing." Mehrere Jahre war er wochenlang in Europa, Skandinavien und Südamerika unterwegs und hatte "die Hände wieder im Öl", wie er sagt. "Die Krise im Jahr 2009 traf auch meine Firma, 200 Mitarbeiter, darunter ich, wurden entlassen." Für Frank Seefeld kein Grund zu resignieren. "Ich wollte am bzw. auf dem Meer bleiben und wäre gern auf eine Bohrinsel gegangen. Auf mehreren Online-Plattformen habe ich mein Profil hinterlassen und Cegelec hat mich gefunden."

Jetzt steckt der Raumfahrttechniker in spe voll in den Vorbereitungen. "Ich habe am Gymnasium in Pritzwalk einen Schüler gefunden, der mich täglich bis zu vier Stunden in Französisch unterrichtet. Schließlich sind in unserem Team von 150 Mann 138 Franzosen. Außerdem lebe ich die nächsten sechs Jahre immer drei Monate am Stück in Kourou - dann folgt ein Monat Heimaturlaub - und ich möchte mit meinen Gastgebern in ihrer Sprache sprechen, wenn ich dort Brötchen kaufe."

Der Schritt nach Kourou sei ihm dank der Unterstützung seiner Familie leicht gefallen. "Meine Frau und meine Geschwister stehen voll hinter mir, sogar mein elfjähriger Sohn, der bei seiner Mutter in Rostock wohnt, findet es toll, was sein alter Papa jetzt macht. Ohne diesen Rückhalt ginge so etwas kaum." Via Internet-Bildtelefon will er viel Kontakt halten. Außerdem liegen neben Familienbildern das Buch der "Kleinen Dott", Fontanes "Wanderungen durch die Mark Brandenburg" und ein Messograf von Cleo im Gepäck. "Als Erinnerung an Zuhause."

Angst vor dem Schritt auf die andere Seite der Erde hat Seefeld nicht. "Höchstens die, meinem eigenen Anspruch nicht gerecht werden zu können."

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