Der Prozessverlauf

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17. Juli 2008, 07:56 Uhr

1. Prozesstag
15. April 2008 Unter bundesweitem Medieninteresse beginnt der Mordprozess gegen die Eltern von Lea-Sophie. Überraschend räumt der Vater ein, zu spät auf den immer schlechteren Gesundheitszustand des Kindes reagiert zu haben. „Ich habe als Vater versagt“, lässt Stefan T. durch seinen Anwalt verlauten. Zugleich belastet er die Mutter: Für Pflege und Beschäftigung des Mädchens sei Nicole G. zuständig gewesen.

2. Prozesstag
30. April 2008 Ein Polizist sagt aus, dass der Vater bei seiner Vernehmung nach dem Tod der Fünfjährigen zu Protokoll gegeben habe, den Zustand des Mädchens erkannt zu haben. „Er hat das Leiden und Sterben des Kindes gesehen und ist dennoch passiv geblieben“, sagt der Beamte. Der 26-Jährige habe nicht erklären können, warum ihm der Mut gefehlt habe, zum Arzt zu gehen. Das Verhältnis der Eltern scheint zerrüttet. Die 24-jährige Mutter bestritt in einer von ihrem Anwalt verlesenen Erklärung die Aussage des 26-Jährigen, sie habe am 20. November 2007 keinen Notarzt rufen wollen aus Furcht, dass man die beiden Kinder aus der Familie nehmen würde.

3. Prozesstag
13. Mai 2008 Der Großvater von Lea-Sophie und Vater von Nicole G. erneuert seine Vorwürfe gegen das Jugendamt der Stadt. Er habe im Herbst 2006 zweimal im Amt vorgesprochen und darum gebeten, dass „Außenstehende“ das kleine, zierliche und sprachlich zurückgebliebene Kind in Augenschein nehmen möchten, sagt Norbert G. Geschehen sei dies jedoch nicht. Der Großvater beschreibt Lea-Sophies Vater als „sehr streng“. Seine Stieftochter habe sich dem Willen ihres Lebensgefährten gefügt. Die junge Familie habe sich unter ihrer Schuldenlast immer mehr abgeschottet. Die Mutter des Angeklagten sagt, die Fürsorge der anderen Großeltern sei ihr zu weit gegangen. Sie warf der Partnerin ihres Sohnes vor, die Familie auch aus Eifersucht isoliert zu haben.

4. Prozesstag
14. Mai 2008 Gegen Mitarbeiter des Schweriner Jugendamtes sind bislang 46 Strafanzeigen aus dem gesamten Bundesgebiet gestellt worden. Diese Zahl nannte der Vorsitzende Richter Robert Piepel. Zugleich gab es neue Hinweise darauf, dass der 26-jährige Vater vom Gesundheitszustand seiner Tochter gewusst hat. Er soll ein oder zwei Tage vor ihrem Tod neben seiner 24-jährigen Lebensgefährtin gestanden haben, als sie das Kind wickelte. Das habe die Mutter des Mädchens bei der Vernehmung erzählt, sagt ein Ermittlungsrichter.

5. Prozesstag
15. Mai 2008 Nicole G. ist der dramatische Gesundheitszustand ihrer Tochter bekannt gewesen. Sie habe beim Wickeln das „rohe Fleisch“ der Geschwüre am Körper der Fünfjährigen bemerkt. Das habe die 24-Jährige ihr gegenüber geäußert, sagt eine Vernehmungsexpertin der Polizei vor dem Landgericht aus. Dies habe aber auch der angeklagte Vater gewusst. Beide hätten aber bis zuletzt gemeint, es handle sich bei den Essstörungen von Lea-Sophie nur um „Bockigkeit“ und „eine kurze Phase“, sagte die Vernehmungsexpertin im Zeugenstand.

6. Prozesstag
16. Mai 2008 Lea-Sophie hat in der Wohnung der jungen Familie im Schweriner Stadtteil Lankow offenbar ein Martyrium durchlebt. Nach Ansicht eines Kinderarztes habe das Mädchen schon mindestens zwei Wochen vor seinem Tod nicht mehr selbstständig laufen können. Die Muskulatur des unterernährten Kindes sei bereits zu stark verändert gewesen, sagt der Mediziner. Auch habe die Kleine an Gesäß und Rücken eine offene Wunde gehabt. „Ein Liegegeschwür dieses Ausmaßes bei einem so extrem abgemagerten Patienten habe ich bisher noch nicht gesehen“, sagt der Arzt, der Lea-Sophie am 20. November vergangenen Jahres in der Notaufnahme des Krankenhauses in der Landeshauptstadt mit behandelt hat.

7. Prozesstag
2. Juni 2008 Nicole G. gesteht eine Mitschuld am Tod ihrer Tochter ein. „Ich habe erkannt, dass sie Hilfe brauchte“, so die 24-Jährige. Aber sie habe den richtigen Zeitpunkt verpasst, Hilfe zu holen. „Ich hatte Angst vor einem staatlichen Eingriff. Angst, dass man uns Lea-Sophie und Justin wegnehmen würde“, sagt sie. Ihre Tochter habe aus Eifersucht mit Verweigerung reagiert und immer weniger gegessen, nachdem Brüderchen Justin Ende September 2007 auf die Welt gekommen sei. Als Mutter habe sie sich überfordert gefühlt. Von ihrem Lebensgefährten habe sie keine Unterstützung bekommen. Er habe auch jegliche Hilfe von außen abgelehnt. Der angeklagte Vater erklärt, er habe erkannt, dass Lea-Sophie verhungern könnte. Auch er betont, er habe Scham empfunden und Angst gehabt, die Kinder zu verlieren. Deshalb hätten er und Nicole G. keine Hilfe geholt.

8. Prozesstag
3. Juni 2008 Die Mutter gibt Einblicke in ihr Familienleben. Lea-Sophie sei im August 2002 als Frühchen auf die Welt gekommen. Zunächst hätte sie mit dem Mädchen bei ihren Adoptiveltern gelebt. An den Wochenenden sei auch Stefan T., der damals noch an einem Bundeswehr-Standort bei Bremen diente, gekommen. Dann sei sie mit ihrem Partner in eine eigene Wohnung gezogen. Lea-Sophie sei auf Vorschlag der Großeltern, die keine leiblichen Kinder bekommen konnten, noch etwa ein Jahr lang bei Oma und Opa geblieben. Erst 2004 nahmen Nicole G. und Stefan T. ihre Tochter zu sich. Das Verhältnis zu den Großeltern hatte Stefan T. vor dem Landgericht bereits als angespannt bezeichnet. Er habe befürchtet, sie wollten ihnen das Kind wegnehmen. Der Großvater hatte 2006 erstmals ohne Wissen der Eltern das Jugendamt aufgesucht, da er sich um die Entwicklung des Mädchens sorgte. „Ich war geschockt, als ich davon erfuhr“, sagte Nicole G. gestern. Danach hätten sie und ihr Partner den Kontakt zu ihren Eltern gemieden. Dass sie nicht die leibliche Tochter ihrer Eltern ist, habe sie als Jugendliche zufällig erfahren, sagte Nicole G. Ihr leiblicher Vater, ein Bruder ihres Adoptivvaters, habe sich an einem ihrer Geburtstage das Leben genommen.

9. Prozesstag
14. Juni 2008 Stefan T. ist voll schuldfähig. Stefan T. lasse ein „gehöriges Maß an Selbstbezug“ und die Neigung erkennen, sich in schwierigen Momenten zurückzuziehen, sagt der psychiatrische Gutachter Dr. Jörg Thal. „Im Mikrokosmos der jungen Familie war Stefan T. eher Teilnehmer als aktiver Gestalter“, so der Psychiater. Einer Partnerschaft auch zu einem Kind habe Stefan T. nicht gerecht werden können. In der Steuerungs- und Einsichtsfähigkeit des Mannes habe er jedoch keine Einschränkungen feststellen können, so Thal. Schließlich sei Stefan T. noch unmittelbar vor dem Tod von Lea-Sophie in der Lage gewesen, sich planvoll um etwas zu kümmern – die Anschaffung eines neuen Fernsehers. Der medizinische Gutachter Professor Egbert Herting erklärt, Lea-Sophie habe unmittelbar vor ihrem Hungertod im November 2007 keinerlei Rettungschance mehr gehabt. Die Obduktion des auf 7,4 Kilogramm abgemagerten Kindes habe ergeben, dass der Körper sogar das auf 38 Gramm geschrumpfte Herz als Energiequelle genutzt habe. Vielleicht hätte Lea-Sophie eine Woche vor ihrem Tod noch eine Überlebenschance gehabt, so der Professor. Unklar sei aber, mit welchen gesundheitlichen Folgen das Mädchen hätte überleben können. Vergleichbare Fälle seien ihm nur durch Berichte von Hunger-Katastrophen in Afrika bekannt.

10. Prozesstag
24. Juni 2008 Auch Nicole G. ist für ihr Handeln verantwortlich. Der Hamburger Psychiater Klaus Frerk attestiert der 24-jährigen Mutter zwar ein geringes Selbstwertgefühl und den Hang, Konfliktsituationen aus dem Weg zu gehen. Die Anzeichen einer Persönlichkeitsstörung seien aber nicht als „erheblich verminderte Steuerungsfähigkeit“ zu werten. Nach Überzeugung des Gutachters hatte die 24-Jährige den Anspruch, immer eine gute Mutter zu sein. Die abweisende Haltung von Lea-Sophie nach der Geburt ihres Bruders habe die Mutter als „Machtkampf“ empfunden und mit „passiv-aggressivem Verhalten“ reagiert.

11. Prozesstag
10. Juli 2008 „Ob sie es mir glauben oder nicht, ich vermisse meine Tochter und ich liebe sie“, sagt Nicole G. Doch die Staatsanwaltschaft hält am Mordvorwurf fest und fordert für die Eltern jeweils 13 Jahre Haft. „Gleichgültig und unbarmherzig“ hätten die Eltern Lea-Sophie zuletzt behandelt, sagt Staatsanwalt Jörg Seifert. Die Mutter habe sich dem Neugeborenen gewidmet, der Vater sich in Computerspiele geflüchtet. „Ich gehe nicht davon aus, dass der Tod des Kindes ihr Ziel war“, sagt Seifert. Wer aber erkenne, dass sein Kind nur noch Haut und Knochen ist und sich kaum noch bewegt, aber keine Hilfe hole, nehme den Tod billigend in Kauf. Die Anwälte der Eltern sehen als Ursache für deren Versagen dagegen eine „tragische“ Verkettung von Beziehungsdrama, unheilvoller Einflussnahme durch die Großeltern, die zur Abkapselung der jungen Familie geführt habe, und psychischem Unvermögen. „Dem Verhalten Lea-Sophies standen sie nicht ablehnend, sondern hilflos gegenüber“, so Anwalt Matthias Macht.

12. Prozesstag
16. Juli 2008 Das Landgericht Schwerin verurteilt Nicole G. und Stefan T. zu jeweils elf Jahren und neun Monaten Haft wegen Mordes.

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