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Schwerin: Landeszentrale für politische Bildung : Der polnische Blick auf Deutschland

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Vorurteile gegenüber Deutschen hat Emilia Chilinska keine mehr. Seit sechs Monaten arbeitet Chilinska als Stipendiatin in der Landeszentrale für politische Bildung in Schwerin.

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erstellt am 07.Apr.2011 | 11:26 Uhr

Vorurteile gegenüber Deutschen hat Emilia Chilinska keine mehr. "Sie sind gar nicht so zugeknöpft und kalt", sagt die Polin. Und dass die Deutschen immer pünktlich und ordentlich sind, hat sie nach ihren Erfahrungen mit der Bahn auch verworfen. Seit sechs Monaten arbeitet Chilinska als Stipendiatin in der Landeszentrale für politische Bildung in Schwerin.

Schon 2004 siedelte sie für ihre Europa-Studien aus ihrer Heimatstadt Warschau nach Konstanz über, wo sie die Universität besuchte. Im fünften Semester wechselte sie nach Greifswald. Das Stipendium "Europa gestalten - Politische Bildung in Aktion" der Bundeszentrale für politische Bildung lockte sie im Oktober 2010 nach Schwerin. "Ich wollte unbedingt etwas mit Geschichte oder Minderheiten machen", sagt die 25-Jährige.

Besuch im ehemaligen Stasi-Knast

In Schwerin organisiert sie nun eine Fortbildung für Lehrer aus Mecklenburg-Vorpommern, Polen und Frankreich. Es geht um den Umgang mit Diktaturen des 20. Jahrhunderts in allen drei Ländern. "Wir haben viele Wissenschaftler und auch Journalisten als Referenten", freut sich Chilinska. Die Tagung läuft seit Dienstag in Schwerin und endet morgen. Neben den Referaten besuchen die Teilnehmer unter anderem auch das Dokumentationszentrum für Opfer deutscher Diktaturen im ehemaligen Stasi-Gefängnis von Schwerin.

"Die internationale Arbeit macht mir Spaß, obwohl sie eine Herausforderung ist", meint Chilinska. So sei es gar nicht so einfach gewesen, die richtigen Teilnehmer in den Ländern zu finden. "Es gab viele Überraschungen", so Chilinska. Zum Teil haben ihr Zufallsbekanntschaften geholfen, die über die richtigen Kontakte zu möglichen Ansprechpartnern verfügten. Die junge Polin hat bereits während und nach ihrem Studium Erfahrungen in der politischen Bildung gesammelt - beispielsweise als Gästeführerin im polnischen Parlament oder auch im Deutsch-Polnischen Jugendwerk in Potsdam. Dort organisierte sie Begegnungen von Jugendlichen aus den beiden Ländern. Allerdings arbeitete sie in diesen Bereichen jeweils maximal drei Monate lang. "Da habe ich nie die Ergebnisse gesehen", bedauert Chilinska. Sie möchte die Erfahrungen zwar nicht missen, ist aber froh, nun eine beständigere Aufgabe gefunden zu haben.

Die Bundeszentrale für politische Bildung stellt Unterkunft und Verpflegung. Außerdem bekommen die insgesamt 16 Stipendiaten, die sich bundesweit jeweils auf ein ausgewähltes Projekt von Vereinen und Institutionen beworben haben und angenommen wurden, ein kleines Taschengeld. Das Angebot soll junge Fachkräfte aus Osteuropa ansprechen. "Es sollte viel mehr solche Programme geben", sagt Chilinska. Das sei ein guter Weg, um sich gegenseitig näher kennenzulernen. "Ich merke sehr oft, dass Deutsche und Polen sich sehr ähnlich sind, die gleichen Probleme haben", so Chilinska. Deshalb sei es schade, dass im Gegenzug so wenige Deutsche einen Gastaufenthalt in ihrem Heimatland absolvierten. Dabei gebe es keinen besseren Weg um Stereotypen zu überprüfen.

Positive Überraschung im Plattenbau

Aus Neugier nach der Lektüre eines preisgekrönten Zeitungsartikels über die Bundesgartenschau in Schwerin hat sie auch schon die Plattenbauten in der Landeshauptstadt begutachtet - und war positiv überrascht von den dort lebenden Menschen. "Die waren ganz normal." Nur mit den vielen leerstehenden Wohnungen habe sie nicht gerechnet. Generell nutzt Chilinska ihren Deutschlandaufenthalt auch dazu, um das Land besser kennenzulernen. "Ich war schon in Rostock, Hamburg, Lübeck, Berlin und Potsdam", so die Polin. Dank der Fortbildungen innerhalb des Stipendiums hat sie auch schon Weimar und Heppenheim gesehen.

"Meine Familie würde mich lieber zu Hause haben, aber sie freuen sich auch für mich", meint Chilinska. Kontakt zu ihren Eltern hält sie über Skype. Nach Abschluss ihrer Arbeit in Schwerin will sie denn auch wieder in ihre Heimat zurück - nicht weil sie Deutschland nicht mag, sondern weil es für sie dort leichter ist, vor allem wegen der Sprache. Das falle ihr auch immer wieder beim Zeitungsstudium auf.

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