Der "Pitbull" beißt McCain ins Bein

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06. November 2008, 09:51 Uhr

Erica Smith aus Nebraska hat eine Frage: "Wie kann eine Frau, die als vorbildliche Mutter und Teil einer Durchschnitts-Musterfamilie gilt, 150.000 Dollar im Monat für Kleider ausgeben? Das verdiene ich nicht in zwei Jahren!" Smith macht ihrem Ärger im Fernsehsender CNN Luft. Sie steht nicht allein mit ihrer Empörung über die Garderoben- und Friseurrechnung für John McCains Vize-Kandidatin Sarah Palin, bezahlt aus Wahlkampfspenden für die Republikaner.

Anfang September, als McCain die Gouverneurin von Alaska als Geheimwaffe vorstellte, die bei Amerikas gestressten Durchschnitts-Müttern auf Stimmenfang gehen sollte, konnten sich noch viele Wähler mit einer attraktiven 47-Jährigen identifizieren, die mit der Flinte auf Elchjagd geht, fünf Kinder versorgt und dabei noch mit Charme souverän ihren politischen Job bewältigt. Doch nun scheint es, als ob der "Pitbull mit Lippenstift" (Palin über Palin) die größte und schwerwiegendste Fehlentscheidung von John McCain repräsentiert, der landesweiten Umfragen zufolge derzeit mit bis zu zwölf Prozent hinter Barack Obama zurückliegt. Die Negativschlagzeilen eskalieren derzeit in einem Tempo, das Beobachter atemlos macht und Kritikern wie den Republikaner Colin Powell, der sich kürzlich hinter Barack Obama stellte und Palin schlichtweg für unfähig hält, zu bestätigen scheint.

Spender wollen ihr Geld zurück

Angesichts der sechsstelligen Rechnungen zur Image-Verbesserung der "Hockey-Mom" fordern bereits erste Spender, so berichtet jetzt die "New York Times", empört ihr Geld zurück. "Im Republikaner-Lager hat man offenbar jedes politische Gespür verloren", zürnt Parteimitglied Ed Rollins, der einst Ronald Reagan beriet. Hinzu gesellen sich neue Meldungen, dass Palin ihre Kinder auf Steuerzahler-Kosten bei fast allen Dienstreisen als Gouverneurin mitfliegen ließ - unter anderem auch nach New York, wo in Luxushotels genächtigt wurde. Die Anwesenheit des Nachwuchses sei aus Repräsentationsgründen notwendig gewesen, argumentiert man im Palin-Büro - eine Ansicht, die durchaus strittig sein dürfte und Argumenten neue Nahrung geben wird, Palin habe jegliche Bodenhaftung verloren.

Heute sollen zudem die Vize-Bewerberin und ihr Ehemann Todd erneut in Alaska zu delikaten Vorwürfen aussagen, die Gouverneurin hätte ihr Amt missbraucht, um einen persönlich missliebigen Beamten zu entlassen. Eine Kommission des Bundesstaates geht derzeit dem Verdacht nach, dass der Sicherheitschef von Alaska seinen Job nur deshalb verlor, weil er sich geweigert hatte, einen Polizisten zu entlassen, der mit Sarah Palins Schwester verheiratet war und diese bedroht haben soll.

Palin als beliebtes Spott-Objekt

Details wie diese sind besonders peinlich für eine Politikerin, die bei ihren täglichen Auftritten stets versichert, in Washington "aufräumen" und Hinterzimmer-Kungeleien nicht mehr dulden zu wollen. Und frische Umfrage zeigen, wie sich in nur sieben Wochen der Wind gedreht hat: Mittlerweile hat die Mehrheit der US-Bürger von Palin, die in den abendlichen Talkshows und Comedy-Sendungen zum beliebtesten Spott-Objekt geworden ist und nun den Wahlausgang am 4. November "in Gottes Hand" sieht, eine negative Meinung.

Ihr Image dürfte sich auch nicht durch die unzutreffende Interview-Aussage verbessert habe, dass sie im Falle eines Wahlsieges die Oberaufsicht über den US-Senat habe und dort "gute Politik durchsetzen" könne. Die Rolle des Vize-Präsidenten ist allerdings dort traditionell darauf beschränkt, bei einem Stimmen-Patt unter den 100 Senatoren eine Entscheidung zu treffen - eine Debatten-Teilnahme ist beispielsweise von der Verfassung ausdrücklich nicht vorgesehen.

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