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Sozialarbeiter Wergin aus Schwerin kommuniziert über Facebook : Der Online-Sozialarbeiter

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Einkaufen, Informationen suchen, Menschen treffen – Computer und Handy machen es möglich. Sie sind wichtige Werkzeuge der modernen Welt geworden. So wichtig, dass Straßensozialarbeiter im Internet tätig werden.

svz.de von
erstellt am 20.Apr.2011 | 11:00 Uhr

Wo arbeitet ein Straßensozialarbeiter? Auf der Straße natürlich, wie der Name schon sagt. Doch damit nicht genug. Für den Schweriner Straßensozialarbeiter Marcus Wergin eröffnet das Internet wichtige Wege, um junge Leute zu treffen. Das weltweite Netz dient ihm, und er dient dem weltweiten Netz.

"Nimm den Mülleimer mit, bevor du gehst!" - Solche Anweisung klingen nicht eben angenehm in den Ohren vieler Jugendlicher. Aber wer Müll macht, muss ihn entsorgen. Eine Regel, die sich auch auf das Internet übertragen lässt. Vor allem junge Leute stellen heute bergeweise Infos und Fotos von sich ins Netz. "Dass Millionen andere die auch sehen können, ist ihnen oft nicht bewusst. Es ist, als ob ich ein Plakat auf den Marktplatz hänge, auf dem ich sonst was von mir zur Schau stelle", sagt Marcus Wergin.

Aus diesem Grunde rief er vor kurzem zum Frühjahrsputz im Internet auf. "Es ging darum, Datenmüll zu entsorgen. Ich habe gefragt: Weißt du überhaupt noch, in welchen sozialen Netzwerken du bist? Brauchst du noch deine Profile? Gibt es nicht Dinge, von denen du sagst: Ach das war früher, so bin ich nicht mehr?" Leicht sei es nicht, seinen virtuellen Müll zu entsorgen. Viele Netzwerke setzen in diesem Moment auf die emotionale Schiene und prophezeien: "Deine Freunde werden dich vermissen."

Marcus Wergin kann dennoch ein erfreuliches Ergebnis verkünden: "Es haben 69 junge Leute aus Schwerin beim Frühjahrsputz mitgemacht." Kaum zu glauben, dass Straßensozialarbeiter wie er im Netz solch einen enormen Einfluss ausüben können. Doch was macht er überhaupt im Internet? Wieso ist er nicht draußen unterwegs, um die Kids aufzusuchen? "Klar tue ich das auch noch viele Stunden", antwortet Marcus Wergin, der für den sozialen Träger Evangelische Jugend Schwerin arbeitet. "Aber als Sozialarbeiter muss man mit der Zeit gehen." Und die bringe es eben mit sich, dass immer weniger Mädchen und Jungen Wiesen, Parks, Ufer, Plätze und Bushaltestellen aufsuchen, um gemeinsam abzuhängen.

"Ich habe irgendwann gemerkt, dass sehr viele junge Leute ihre Freizeit vorm Rechner verbringen. Ich dachte mir, was mache ich, wenn ich sie nicht mehr erreiche? Als Straßensozialarbeiter muss ich dahin, wo die Leute sind." Vor zwei Jahren hat Marcus Wergin eine kleine Befragung unter den Jugendlichen gestartet. Dabei wurde ihm klar: "Ich muss auch im Netz sein. Hier kann ich zuhören, aufklären, beraten. Wer soll das sonst tun? Für Lehrer und Eltern sind viele Dinge im Internet noch böhmische Dörfer."

Inzwischen bewegt sich Marcus Wergin gekonnt über soziale Netzwerkseiten wie Facebook oder Myspace. Hier verfolgt er zwei Konzepte. "Zum einen nehme ich als Streetworker Kontakt zu den Jugendlichen auf", sagt er und es dauert nicht lange, bis er seine Seite aufgerufen hat und die ersten jungen Leute "trifft". Matze schreibt wieder: "Kein Bock…kaputt….wuh." "Solche Dinge kommen öfter von ihm", stellt Marcus Wergin fest. "Der hat Probleme. Hier werd ich nachhaken." Antworten wird er ihm nicht als Freund oder als Privatperson, sondern immer als Streetworker, der der Schweigepflicht unterworfen ist.

Lockerer geht es auf der zweiten Seite zu, die Marcus Wergin unter dem Namen Paule Paulskirchenkeller auf Facebook eingerichtet hat und in Schuss hält. Paule, wie der Kirchenkeller der Schweriner Paulskirche von den Jugendlichen liebevoll genannt wird, ist einer der ältesten und erfolgreichsten offenen Treffs für Jugendliche in MV. Kein Wunder also, dass sich auf Paules Seite an diesem Donnerstagmorgen um 9 Uhr schon fünf "Freunde", wie sie auf Facebook genannt werden, angemeldet haben. Mit ihnen kann der Sozialarbeiter sofort ins Gespräch kommen.

Insgesamt sind 227 junge Leute zwischen zwölf und 27 Jahren mit Paule Paulskirchenkeller "befreundet". Einen Großteil von ihnen kennt Marcus Wergin aus der realen Welt von seiner Arbeit auf der Straße. Andere sind ihm fremd, aber auch mit ihnen tauscht er sich aus. Und er klärt auf. In dieser Woche hat er eine NDR-Sendung über Facebook auf seine Seite gestellt. Außerdem zeigt er, wie sich versteckte Viren erkennen lassen und warnt vor Gefahren im Netz. Hinzu gesellen sich allerlei Tipps, wohin sich die jungen Leute wenden können, wenn sie ernsthafte Probleme mit den Eltern, der Schule oder der Polizei haben.

Was Marcus Wergin besonders an Facebook gefällt, ist die Möglichkeit, viele Leute zu Veranstaltungen zusammentrommeln zu können. Auf der Pinnwand ruft er dieser Tage zum Bandcontest im Paulskirchenkeller auf. Hierzu hat er gleich noch einen Beitrag aus der Schweriner Volkszeitung rübergezogen. "Ich finde das toll mit dem Bandcontest und hab Freunde eingeladen", schreibt ein junges Mädchen.

Mit der Idee, Facebook und andere soziale Netzwerke für seine Arbeit zu nutzen, steht Marcus Wergin nicht alleine da. Dennoch sind es bislang nur wenige, seiner Meinung nach vielleicht eine Handvoll Streetworker in Mecklenburg-Vorpommern, die das Internet nutzen. Er selbst möchte diesen Part nicht mehr missen. Auf Facebook kann Marcus Wergin die Leute aus der Bude locken - zu Projekten, die er auf die Beine gestellt hat. "Eines davon sind die Streetmonkeys, die sich auf öffentlichen Plätzen treffen, um Bäume zu erklimmen und auf Slacklines zu balancieren", erzählt der Schweriner und stellt ganz nebenbei fest, dass sich mittlerweile, es ist gerade 10 Uhr, schon 20 Leute auf der Paule-Seite befinden.

Weil Marcus Wergin als Straßensozialarbeiter viel unterwegs ist, hat er sich etwas ausgedacht und bei der Stadt Schwerin um Unterstützung gebeten. "Webwork - mobile Arbeit im Internet", nennt er sein Modellprojekt. "Ich möchte mit einem Smartphone von der Straße aus auf der Facebook-Paule-Seite oder in den anderen sozialen Netzwerken kommunizieren können", erklärt er. "Mit dem Gerät kann man mich orten, wenn ich im Dienst bin und das ist gut so. So sieht der Jugendliche, mit dem ich ,befreundet bin, wo ich mich bewege. Wenn er merkt, ach ich laufe ja gerade vorm Fenster vorbei, hat er vielleicht Lust, einen Kaffee zu trinken und sich richtig auszuquatschen." Für Marcus Wergin gilt nämlich allem Fortschritt zum Trotz: "Das oberste Ziel meiner Arbeit ist nicht die Kommunikation im Internet, sondern die von Angesicht zu Angesicht."

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