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Serie zur Kreisgebietsreform : Der letzte heidnische Herrscher

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Niklot: Der letzte heidnische Herrscher ging als Stammvater der Mecklenburger Herzöge in die Geschichte ein. Das gut fünf Meter hohe Reiterstandbild in Schwerin zeigt den hohen Rang.

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erstellt am 30.Jun.2011 | 12:13 Uhr

Niklot: Der letzte heidnische Herrscher ging als Stammvater der Mecklenburger Herzöge in die Geschichte ein. Das gut fünf Meter hohe Reiterstandbild in Schwerin, das der Bildhauer Christian Friedrich Genschow im 19. Jahrhundert schuf, zeigt den hohen Rang, den der Fürst vom Stamme der Obotriten einst einnahm. Ein Stamm, der zu den angesehensten unter den Wendenvölkern gehörte.

Niklot hatte 1147 einen Kreuzzug überstanden und sich erfolgreich gegen die Christianisierung seines Volkes gewehrt. Aber der Welfe Heinrich der Löwe, Herzog von Sachsen und Bayern, schien übermächtig. Als er sich mit den Dänen zusammenschloss, um seinen Machtanspruch durchzusetzen, hatte Niklot schlechte Karten. Er musste das Spiel verloren geben. Bereits siebzig Jahre alt, zog er 1160 noch einmal in den Krieg. Doch überlebte er den entscheidenden Feldzug nicht. Seine Burg auf der Insel im Schweriner See hatte er schon zuvor aufgeben müssen. Der Fürst der Obotriten und Herr zu Schwerin, Quentzin und Malchow stirbt nach 30-jährigem Widerstand im August 1160 auf der Burg Werle bei Bützow.

Keine Chance gegen den schier unschlagbaren Löwen

Seine Söhne Pribislaw und Wratislaw haben auf Dauer keine Chance gegen den schier unschlagbaren Löwen. 1164 beginnt die letzte Schlacht, die als großer Wendenaufstand in die Geschichte eingeht. Noch im gleichen Jahr wird Wratislaw auf Heinrichs Befehl in Malchow öffentlich hingerichtet und Pribislaw in den östlichen Teil Mecklenburgs abgedrängt. Nach der verlorenen Schlacht bei Verchen unterwirft er sich schließlich dem Löwen. Dafür erhält er 1167 sein väterliches Erbe als Lehen von Heinrich zurück, allerdings ohne das Gebiet der 1160 eingerichteten Grafschaft Schwerin.

Zwei Jahrhunderte später, nämlich 1358, gelangt die Grafschaft Schwerin doch noch in den Besitz der Nachfahren Niklots - nicht durch blutigen Kampf, sondern durch schlichten Kauf. Die Nachkommen, bereits 1348 in den Stand von Herzögen zu Mecklenburg erhoben, verlagerten ihre Residenz von der Mikelenburg bei Wismar auf die im Landesinneren liegende Schweriner Burginsel, auf der heute noch das Schloss steht. Pribislaws Unterwerfung unter den Machtmenschen Heinrich sicherte nicht nur das Überleben einer Dynastie, sondern legte auch den Grundstein für das Fürstentum Mecklenburg, das bis 1918 von den Nachfolgern Niklots beherrscht wurde. Von denen einige durchaus mehr als eine Fußnote in den Geschichtsbüchern hinterließen. Johann Albrecht I. - geboren 1525 in Güstrow, gestorben 1576 in Schwerin - zum Beispiel. Er setzte 1549 die Reformation in Mecklenburg durch. Oder Herzog Friedrich der Fromme (1717 bis 1785), der das Schulwesen gefördert, die Folter abgeschafft und die Residenz von Schwerin nach Ludwigslust verlegt hat. Weil seine Ehe kinderlos blieb, übernahm sein Neffe Friedrich Franz I. später das Zepter und wurde ab 1815 erster Großherzog von Mecklenburg. Dessen Enkel und Erbe des Herzogtums wiederum, Paul Friedrich, heiratete eine Prinzessin, die eine besonders beliebte Landesmutter werden sollte: Alexandrine von Preußen, Tochter der legendären Königin Luise. Das Paar verlegte den Sitz des Herzogtums wieder nach Schwerin und schmiedete erste Pläne zum Um- oder Neubau des Schlosses. Hofbaumeister Demmler bekam viel zu tun. Doch Paul Friedrich waren nur fünf Jahre Regierungszeit vergönnt. Ein Feuer am Pfaffenteich wurde ihm zum Verhängnis. Der oberste Landesherr packte selbst mit an, als es hieß, die Flammen zu bekämpfen. Im eisigen Januar 1842. Er zog sich eine schwere Grippe zu und Darmtyphus. Drei Monate später starb er, erst 41 Jahre alt.

Sohn Friedrich Franz II. wird Großherzog und wichtigster Bauherr am Märchenschloss. 1857 bezieht die Familie mit großem Pomp den prunkvollen Herrschaftssitz auf der Schlossinsel, der schon damals die Menschen faszinierte. Bis im Dezember 1913 ein verheerender Brand etwa ein Drittel des Baus zerstörte. Der Burgseeflügel brannte bis auf die Grundmauern nieder. Das Feuer vernichtete auch den prächtigen Goldenen Saal in einem anderen Teil des Schlosses. Großherzog Friedrich Franz IV. schließlich machte sich 1914 an den Wiederaufbau. Er wollte die "Perle des Landes" in neuem Glanz erstrahlen lassen. Nicht ahnend, dass vier Jahre später die Zeit fürstlicher Hofhaltung vorbei sein würde.

1918 war das Schloss zwar wieder hergestellt, aber auch die Republik ausgerufen, der Großherzog samt Familie ins dänische Exil geflohen, das Schloss in Staatseigentum übergegangen und Mecklenburg-Schwerin ein bürgerlich-demokratischer Freistaat geworden, genau wie Mecklenburg-Strelitz. In den dunklen Zeiten nationalsozialistischer Herrschaft wurden dann die beiden Freistaaten zum Land Mecklenburg vereint und Schwerin zum Regierungssitz erklärt.

Vierter Ministerpräsident regiert in junger Landesgeschichte

Das Ende des Zweiten Weltkrieges war schließlich auch für das Schloss und dessen "Hausherrn" eine Zeitenwende. Nach 1945 übergab die Sowjetische Militäradministration bald die Mehrzahl der Räume im Schloss an die junge, neue Landesregierung. In dem einstigen fürstlichen Wohnsitz hatten nun die Vertreter des Volkes das Sagen. Aber nur für rund drei Jahre. Als die Länder und damit auch ihre Parlamente 1952 wieder aufgelöst wurden, verließen die Abgeordneten das Schloss. Der deutsche Nordosten wurde politisch neu gegliedert. Die Bezirke Rostock, Schwerin und Neubrandenburg entstanden. Mit jeweils einem "Fürsten" an der Spitze, wie der Volksmund die Chefs der SED-Bezirksleitungen nannte. Von diesen befreiten sich die Einwohner auf friedliche Weise selbst - im legendären Jahr 1989.

Ein Jahr später kam es bereits zur Gründung des Landes Mecklenburg-Vorpommern, so wie es noch heute existiert. Ins Schloss zogen die vom Volk gewählten Abgeor dneten. Der einstige Herzogssitz wurde Hort der Demokratie und ist es bis heute geblieben.

Als das erste Landesparlament im Oktober 1990 seine Arbeit aufnahm, traf es zwei wichtige Entscheidungen: Es wählte Schwerin zur Landeshauptstadt von Mecklenburg-Vorpommern und Alfred Gomolka von der CDU zum ersten Ministerpräsidenten des Landes. Der bezog den Regierungssitz in Sichtweite der einstigen Adelsresidenz - in der Staatskanzlei auf der anderen Seite der Schlossbrücke.

Heute residiert dort der nunmehr vierte Ministerpräsident in der noch jungen Landesgeschichte: der Sozialdemokrat Erwin Sellering. Ob das so bleibt, entscheidet am 4. September in diesem Jahr der eigentliche Souverän des Landes - das Volk.

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