Der lachende Zweite

Gute Stimmung bei  Gauck -  angespannte Gesichter bei  Andrea Nahles, Kurt Beck und SPD-Vize Manuela Schwesig (l.) dpa
Gute Stimmung bei Gauck - angespannte Gesichter bei Andrea Nahles, Kurt Beck und SPD-Vize Manuela Schwesig (l.) dpa

von
01. Juli 2010, 11:52 Uhr

Berlin | "Das erste Gefühl: Demokratie ist lebendig und funktioniert", sagt der Bundespräsidentenkandidat später, und: "Es hat mich gefreut". Er hat für ein politisches Spektakel gesorgt - aber eine Art moralischer Sieg ist diese Wahl zum Bundespräsidentenamt für Joachim Gauck schon von Anfang an. Und für seine rot-grünen Erfinder ein politischer Coup zu Lasten von Schwarz-Gelb.

Doch Kandidat Gauck verbietet sich Triumphgesten, nimmt die Verkündung der Zahlen als Gast in der ersten Reihe der SPD-Fraktion scheinbar gelassen entgegen. Beim notwendigen zweiten Wahlgang hat allerdings auch ihn das Fieber gepackt: Längst nicht mehr so stoisch ruhig wie zuvor verfolgt er nun das Aufrufen der 1244 Namen, reibt sich nervös die Hände, tuschelt mit Lebenspartnerin Daniela Schadt.

"Ich kann rechnen", hatte Gauck selbst schon zu Beginn seiner Kandidatur eingeräumt. Und so wirkt der Mann gestern außerordentlich aufgeräumt. Bevor Punkt 12 Uhr die Sitzung beginnt, lehnt er locker am Glasgeländer der Besuchertribüne - ein beliebtes Fotomotiv, auch wegen seiner Gesprächspartnerin: Gauck plaudert mit Bettina Wulff, der Frau des Gegenkandidaten.

Aus der Ruhe bringen könne ihn nichts - und da wundere er sich manchmal über sich selbst. Doch mit der Ruhe ist es schon vorbei, als SPD-Fraktionsgeschäftsführer Thomas Oppermann das Ergebnis des ersten Wahlgangs mitteilt.

Sigmar Gabriel rät der Kanzlerin mit Unschuldsmiene vor den Kameras, Christian Wulff doch zurückzuziehen. Vergiftete Angebote, doch soweit geht die Lust am Untergang denn doch nicht. Beim dritten Anlauf: Heftige Beratungen mit der Linkspartei hinter geschlossenen Türen gab es. Einen Rückzug von Gauck und Einigung auf einen neuen Kandidaten - wie von der Linkspartei angeregt, hatte Gabriel abgelehnt. Die Linke könne beweisen, "dass sie ihre Stasi-Vergangenheit hinter sich gelassen hat", sagt Gabriel.

Dabei hatte sich Gauck bereits auf den Fall einer Niederlage mental eingestimmt, eine Art Abschiedsrede schon am Vorabend beim Fest der SPD-Delegierten gehalten: Egal wie die Wahl ausgehe - er werde am Abend "ein fröhlicher Bürger eines freien Landes sein".

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen