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24. September 2017 | 03:21 Uhr

Der Kandidat kommt

vom

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erstellt am 11.Jun.2010 | 07:19 Uhr

Rostock | Die Sympathiewerte für Joachim Gauck in Deutschland steigen und steigen, was den Kandidaten für das Bundespräsidentenamt selbst überrascht und ein wenig sprachlos macht. Noch größer könnte seine Überraschung sein, wenn er heute in seine Heimatstadt Rostock kommt.

Bei einem Stipendiatentreffen des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) soll er bei einer nicht öffentlichen Veranstaltung zu "seinem" Thema "Ost und West - eine Betrachtung deutscher Verhältnisse" sprechen. Fraglich ist aber, ob angesichts seiner neuen Rolle die 500 Sitzplätze im Audimax ausreichen werden.

Rostocks Oberbürgermeister Roland Methling (parteilos) sieht in Gauck einen hervorragenden Kandidaten für das Bundespräsidentenamt. "Er ist ein herausragender Rostocker, der sich um die Demokratie nicht nur in Ostdeutschland sehr verdient gemacht hat", sagt Methling und ist sich damit einig mit der Mehrheit der Sozialdemokraten und Grünen, die den früheren Chef der Stasi- Unterlagenbehörde als Gegenkandidaten zu Niedersachsens Ministerpräsidenten Christian Wulff (CDU) aufgestellt haben.

Selbst ein Politiker der Linken hält Gauck für "wählbar"

"Gauck ist ein Sympathieträger ersten Grades, da braucht man gar keine Worte zu verlieren", betont der FDP-Fraktionsvorsitzende in der Rostocker Bürgerschaft, Ulrich Seidel. Aber er schätzt ein: Gaucks Chance, gewählt zu werden, sei angesichts der Machtverhältnisse in der Bundesversammlung eher gering. "Die Daumen drücken kann man aber. Ich würde es nicht schlecht finden, wenn er es wird", sagt Seidel. Der Liberale wagt sich wie einige seiner Parteifreunde im Osten weg von der Linie der Bundespartei. Allerdings spreche für Wulff die höhere politische Sachkompetenz. Für die Präsidentin der Bürgerschaft, Karina Jens (CDU), ist Gauck eine "durch und durch respektable und in Rostock hoch geschätzte Persönlichkeit. Wir sind als Stadt stolz darauf." Wulff sei aber genauso respektabel und dank seines derzeitigen Amtes näher an den Problemen. Die Kandidatur sei für Gauck eine Bestätigung für seinen Lebensweg. "Die hat er aber auch ohne die Kandidatur."

Der Rostocker Linken-Politiker Wolfgang Methling sieht in Gauck einen "klugen Mann und eloquenten Redner", der sicherlich in der Lage wäre, das Bundespräsidentenamt auszuführen. Sein Manko sei, dass er sich fast nur mit der Beschränkung der Freiheit in der DDR beschäftigt habe. "Er hat nie die Freiheit heute mit der sozialen Frage verbunden." Darüber spreche Gauck nicht, das sei politisch und ethisch-moralisch viel zu einseitig. Deshalb könne er durchaus als "rückwärtsgewandt" bezeichnet werden. "Gauck ist jedoch nicht unwählbar", sagt Methling, es gebe aber geeignetere Kandidaten.

Der Grünen-Fraktionschef in der Rostocker Bürgerschaft, Johann Georg Jaeger, kennt Gauck aus den letzten Jahren der DDR. "Er hat schon 1988 eine beeindruckende Predigt beim Kirchentag gehalten. Wir waren damals alle erstaunt, dass er sich das traut." Gauck war Pfarrer in Rostock. Es sei heute falsch, den ehemaligen Stasi aufklärer als "Mann der Vergangenheit" zu bezeichnen. "Denn die Linke würde natürlich sagen, dass es wichtig ist, den Nationalsozialismus aufzuarbeiten, um nicht künftig den gleichen Fehler zu machen", betont Jaeger.

Der Chef der Rostocker Birthler-Behörde, Volker Höffer, ist erfreut über die Kandidatur Gaucks. Er sei ein Mann, der vor und nach 1989 für Menschenrechte und bürgerliche Freiheit eingetreten ist. "Er kann wie kaum ein Zweiter Ost und West zusammenführen." Höffer traut ihm ebenfalls zu, als Präsident die Distanz zwischen Regierten und Regierenden zu verkleinern, wie dies Gauck angekündigt hat.

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