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Maetzig: Er drehte den verbotenen Film „Das Kaninchen bin ich“ : Der Jahrhundert-Regisseur

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Kurt Maetzig ist ein echter Zeuge des Jahrhunderts. Jetzt kommt er zu einer Vorab-Veranstaltung des Filmkunstfestes MV nach Schwerin und ist im Verlagshaus unserer Zeitung zu Gast.

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erstellt am 06.Apr.2011 | 11:24 Uhr

Er wurde geboren, als in Deutschland noch ein Kaiser auf dem Thron saß; er erlebte, wie sein nach den Maßstäben der Zeit "halbjüdisches" Elternhaus unter dem Druck des Nazi-Regimes zerbrach; er empfand den Einmarsch der siegreichen Roten Armee als "unvergesslichen Moment der Freiheit" und wurde zu einem der wichtigsten Filmregisseure der DDR: Kurt Maetzig ist ein echter Zeuge des Jahrhunderts. Jetzt kommt der Mitbegründer der Defa zu einer Vorab-Veranstaltung des Filmkunstfestes MV nach Schwerin und ist mit seinem bekanntesten Film "Das Kaninchen bin ich" im Verlagshaus unserer Zeitung zu Gast. Im Gespräch mit Ralf Schenk, der ein Buch über den Regisseur geschrieben hat, werden Maetzig und Angelika Waller - sie spielte die Hauptrolle in "Das Kaninchen" - am kommenden Donnrstag Rede und Antwort stehen.

1946 war Maetzig einer der Gründer der Defa und 1947 drehte er den ersten Film, der sich anhand der Geschichte eines Schauspielers, der sich und seine jüdische Frau tötet, mit dem Nationalsozialismus auseinandersetzte. "Ehe im Schatten" wurde mit 12 Millionen Zuschauern ein gesamtdeutscher Kino-Erfolg und bekam sogar einen "Bambi". Es war auch die Aufarbeitung der eigenen Familiengeschichte: Kurt Maetzigs Mutter hatte den Freitod gewählt, statt dem Deportationsbefehl zu folgen. "Wir unterschätzten die Nazis", sagt der Regisseur über die Intellektuellen angesichts der Machtübernahme Hitlers.

Kurt Maetzig drehte monumentale Propagandafilme wie "Thälmann - Sohn seiner Klasse" (1954) oder "Das Lied der Matrosen" (1958), aber auch Komödien wie "Vergesst mir meine Traudel nicht" (1957). Dass niemand vor dem Zorn der Partei gefeit war, erfuhr er 1965, als sein Film "Das Kaninchen bin ich" zu den Filmen gehörte, die beim berüchtigten 11. Plenum des ZK der SED verboten wurden, und ein Vierteljahrhundert auf seine Uraufführung warten musste. "Staatsfeindlich", "parteifeindlich" und "konterrevolutionär" habe man den Film genannt, so Maetzig, "auf solche Worte folgten normalerweise Verhaftung und Prozess".

In der Person Kurt Maetzig konzentriert sich gleichsam die Geschichte des Films in der DDR in all ihrer Ambivalenz, in ihrem Spannungsfeld zwischen affirmativer Propaganda und stets die Grenzen auslotender Kritik. "Ich habe mich bis zuletzt immer zum Propagandistischen bekannt", hat Maetzig in einem Gespräch mit Ralf Schenk zu seinem 100. Geburtstag gesagt. Etwas propagieren hieße ja, etwas befördern zu wollen und er habe eben den demokratischen Sozialismus, die neue Gesellschaftsordnung, die Solidarität befördern wollen. Den Kommunismus, wie man - auch er selbst - ihn sich einst vorstellte, den werde es nie geben, sagt der 100 Jahre alte Kurt Maetzig heute. Aber an die Utopie einer Welt ohne Faschismus und Krieg glaube er weiterhin und halte das für erreichbar, wenn man denn wirklich einen Interessenausgleich anstrebe: "Man sollte das Glück des Gegners im Auge behalten."

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