Der die Partei rockte

Berufsschule in Güstrow: Der Schulleiter erklärt Bestschüler Wolfgang Hünemörder etwas. Das Foto erschien auch in Güstrow in der SVZ.
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Berufsschule in Güstrow: Der Schulleiter erklärt Bestschüler Wolfgang Hünemörder etwas. Das Foto erschien auch in Güstrow in der SVZ.

Vor 40 Jahren war der Bützower Wolfgang Hünemörder mit der Lehre im Möbelwerk fertig. In der Zeitung präsentierte ihn die Partei SED als jungen Klassenkämpfer. In Wirklichkeit spielte der 19-Jährige Rockmusik der Beatles und Stones, genoss die Freiheit auf der Bühne. Ein Doppelleben mit Risiken.

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10. August 2008, 07:45 Uhr

Bützow - An den Artikel in der SVZ – damals SED-Bezirkszeitung – vom 30. August 1968 kann sich Wolgang Hünemörder gar nicht mehr erinnern. „Wolfgangs Enschluß bekräftigt“ steht über einem Bild des damals 19-Jährigen. Er trägt FDJ-Hemd, der Seitenscheitel ist ordentlich gezogen. Im Text wird der junge Mann, gerade fertig mit der Lehre im Bützower Möbelwerk, zu den Vorfällen in der Tschechoslowakei zitiert.

Dass sowjetische Panzer den Prager Frühling beenden, kommentiert er laut Artikel damals so: „Die Konterrevolutionäre haben eine Niederlage erlitten. Es ist unser Anliegen, den Sozialismus durch Taten auf allen Gebieten zu stärken.“ Der 19-Jährige erklärt öffentlich: Ja, er verpflichte sich zur längeren Dienstzeit bei der NVA, als Unteroffizier auf Zeit. Man müsse der „Aggressivität unseres Klassenfeindes“ entgegentreten.

Vier Jahrzehnte später. Wolfgang Hünemörder schüttelt den Kopf, als er den Artikel heute liest. Wahr sei: Er war Lehrling im Möbelwerk, der beste des Jahrgangs, Abschlussnote „Eins“, ein Vorzeige-Jüngling, auch FDJ-Sekretär seines Betriebes, später Genosse. Der Text allerdings stamme nicht aus seiner Feder. So funktionierte damals die SED-Propaganda vielfach. Dass Panzer den Prager Versuch zur Demokratisierung mit Gewalt beendeten, hatte Hünemörder gar nicht mitbekommen, erklärt er. „Ich war mit meiner Freundin, meiner heutigen Frau, in Eickhof zelten.“ 20 Kilometer von Bützow entfernt im Grünen. Zwei Wochen ohne Radio. „Als wir wiederkamen, war in der CSSR alles vorbei.“

„Die Titaniks“ auf der Bühne1968 war ein aufregendes Jahr für den Bützower. Er lernte seine Frau Gudrun lieben, der Lehrabschluss brachte ihm endlich eigenes Geld. „Wir bekamen als Lehrlinge damals fast nichts“, erklärt er. Als Arbeiter war das dann anders. 1968 begann Wolfgang Hünemörder auch mit anderen Bützowern Musik zu machen. Als Band „Die Titaniks“ waren sie in der Region bekannt. „Wir waren die Platzhirsche in Bützow.“ Auftritte habe es jedes Wochenende gegeben – abwechselnd im Saal der Gaststätte „Stadt Bützow“ (heute „Bützower Hof“) und im Schwaaner „Bunker“. Nach der Lehre ließ sich Hünemörder die Haare wachsen, spielte E-Gitarre, sang gemeinsam mit Erich Linsel. Die Beatles, die Rolling Stones, andere rockige Lieder. Englisch brachten sie sich selber bei. „Oft sangen wir auch nur einen Kaudawelsch.“

Die Musik des freien Westens im kollektivierten Arbeiter- und Bauernstaat. „Es war einfach was ganz anderes und hat uns damals mitgerissen“, sagt der Bützower. Sein Lieblingssong: „Poor Boy“ von den Lords. Er marschierte nicht für die FDJ, er rockte ihr frech ins Gesicht. Die Gruppe habe sogar zweimal Spielverbot erhalten. An die Vorgabe, mindestens 60 Prozent Ostlieder zu spielen, hielt sie sich wie andere nicht.

Jungkader und Rebell – wie passte das zusammen? „Das ist die Frage“, sagt Hünemörder heute. „Im Prinzip war die Musik meine wahre Identität. Da konnten wir machen, was wir wollten.“ Er, der Möbelwerker, baute Boxen, ein Freund die Verstärker. Dann traten sie auf. Hünemörder: „Ich habe meine Meinung immer offen gesagt.“

Dies sei auch später so gewesen, als er dann doch sittlich im Sinne des Sozialismus wurde. Er erinnere sich an Diskussionen mit der SED, eine Parteirüge. 1970 ging Wolfgang Hünemörder dann wirklich drei Jahre zur Armee. Aber nicht politisch überzeugt, wie er sagt. „Das hatte für mich ganz klar wirtschaftliche Gründe.“ Er hatte eine schwangere Frau, bei der NVA gab es 100 Mark im Monat mehr. Und: Er wollte studieren.

Nach der Armee arbeitete der Bützower als Produktionsplaner im Möbelwerk, 1976 kam er ins Sägewerk – als Chef für 100 Leute. „Ich war der jüngste Betriebsleiter, den es in Bützow damals gab.“ Möglich sei dies wegen seiner fachlichen Fähigkeiten gewesen. SED und Staatssicherheit seien stets an seiner Seite gewesen.

Heute kann Wolfgang Hünemörder nicht mehr wild Gitarre spielen. Leider. Ihm fehlt ein Finger. Er male gern – früher und jetzt.

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