Der Bürgerpräsident

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14. Oktober 2008, 08:45 Uhr

Wismar - Freundlich und mitfühlend, aber so, als sei er sich unsicher, ob er wirklich die ganze Aufmerksamkeit haben wolle, hat Bundespräsident Horst Köhler gestern in St. Georgen zu Wismar gestanden. „Mein erster Besuch in dieser schönen Stadt“, schwappten seine Worte aus den Lautsprechern ins Kirchenschiff.

Das zehnte Jubiläum der ersten Bürgerstiftung Ostdeutschlands ist Anlass genug für einen Besuch des deutschen Staatsoberhaupts in der Hansestadt. Ein Anlass, ganz im Sinne des volksnahen Politikers. Die stehenden Ovationen zum Eintreten des Bundespräsidenten werden dem Amt gerecht. Daran gewöhnt aber dennoch etwas steif nimmt er nach dem ersten offiziellen Händeschütteln seinen Platz in der vordersten Reihe neben dem noch relativ frisch im Amt stehenden Ministerpräsidenten Erwin Sellering ein. Während Beobachter im Blitzlichtgewitter einen noch lässigen Stolz in Sellerings Gesicht sehen mögen, zeichnen sich neben höflicher Fröhlichkeit auch Furchen der Ernsthaftigkeit auf Köhlers Stirn ab.

Graben zwischen Amt und einfachem Mann

Eine Mischung aus Stolz, Sorge und Mitgefühl scheint ihn stets zu begleiten und übt eine Anziehung auf seine unmittelbare Umgebung aus. „Bürgerinitiativen dürfen nicht zum Ausfallbürgen des Sozialstaates werden“, hallen seine Worte zwischen den Backsteinmauern. Anhaltender Applaus erhält er zur Antwort. Köhlers Blick schwenkt über seine Zuhörerschaft. „Erst Zusammenarbeit lässt uns den Schatz des Gemeinwesens wirklich heben“, schließt er. Erneut beteuert ihm aufbrausendes Händeklatschen die Sympathie des Publikums. In Köhlers Gesicht steht die gleiche Überzeugung, die seine Rede vermittelt.

Mit derselben hat er am 15. März 2005 die Regierung ermahnt, mit vollster Entschlossenheit gegen die Massenarbeitslosigkeit vorzugehen. „Was anderen Zielen dient, ist nebenrangig“, so seine Worte. Ein Mann fürs Volk?

Er setzt auf die Eigeninitiative der Bürger, weiß aber, dass sich ohne Politik nichts bewegt. „Bürgerstiftungen haben eine gute, lange Tradition in Deutschland“, erklärt er auf dem Podium im Wismarschen St. Georgen. Es gehe um Bürgersinn, aber die Politik dürfe sich darauf nicht ausruhen. Es gehe ihm um Gemeinschaft, aber nicht ohne den Staat.

Doch gerade dessen Mühlen mahlen ihm oft zu selbstgerecht und zu gemütlich. Schon bei seinem ersten offiziellen Auftritt im Amt des Bundespräsidenten bezeichnete er die Agenda 2010 als „bei Weitem nicht ausreichend“. Reformen seien notwendig, aber die Regierung den Bürgern auch eine entsprechende Erklärung schuldig.

Köhler gibt sich schon immer gern kämpferisch, so auch in seinem Buchtitel „Offen will ich sein und notfalls unbequem“. Er bezeichnet sich selbst als Bundespräsident mit „Ecken und Enden“.
Sein Wismarer Auftritt war für ihn schon mehr Kür als Pflicht. Nur am Rand ein repräsentativer Termin, obgleich er gern viele Hände schüttelte – Hände der Wismarer am Straßenrand. Vorrangig geht es ihm um Nähe zum Bürger. So wie Köhler am 4. März 2005 kurz vor seinem ersten öffentlichen Auftritt im Amt betont hatte, „die Bundespräsidentschaft nie angestrebt“ zu haben, genau auf diese Art scheint ihm jetzt dieser förmliche Graben, den sein Amt zwischen Köhlers Person und den Leuten schafft, für die er sich einsetzt, zu widerstreben. Dennoch stellt er sich am 23. Mai 2009 zur Widerwahl.

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