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Demmin: DDR-Mauerteile noch immer im Angebot : Der bröckelnde Rest

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Sie sind 3,60 Meter hoch und 2,8 Tonnen schwer - die Betonteile, die Berlin und damit auch Deutschland teilten. Nach den Resten des "antifaschistischen Schutzwalls" suchen Hauptstadt-Touristen oft vergebens.

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erstellt am 15.Jul.2011 | 11:32 Uhr

Sie sind 3,60 Meter hoch und 2,8 Tonnen schwer - die Betonteile, die Berlin und damit auch Deutschland teilten. 50 Jahre ist es nun her, dass die DDR am 13. August 1961 die Mauer um West-Berlin zog, zunächst aus Stacheldraht und Einzelsteinen, seit den 70-er Jahren mit diesen Betonteilen. Nach den Resten des "antifaschistischen Schutzwalls" suchen Hauptstadt-Touristen oft vergebens, auf Auktionen aber fanden sich in Berlin die sperrigen Teile bisher regelmäßig wieder.

Rund 100 von ihnen hat die Deutsche Grundstücksauktionen AG unter ihrem langjährigen Vorstand Hans-Peter Plettner in 13 Jahren verkauft. "Das ist aber jetzt vorbei, der Markt ist gesättigt", sagt Plettner. Dabei ist das Angebot durchaus noch da.

Eine ehemalige LPG aus Vorpommern hat Plettners Firma nicht nur einen Großteil der Versteigerungsobjekte geliefert - die einstige DDR-Agrargenossenschaft hat auf ihrem Gelände im Dorf Wischershausen (Kreis Demmin) auch einige von "Mauerspechten" bearbeitete Betonteile aufgestellt, um sie zu verkaufen.

"Die Teile lagen die letzten 20 Jahre verkehrt herum in einem Futtersilo, sie wurden kürzlich erst herausgeholt und deshalb ist noch soviel Sand dran", erzählt ein Dorfbewohner in Wischershausen, der seinen Namen nicht nennen mag. Er wolle keine Scherereien mit dem Geschäftsführer des Landwirtschaftsbetriebes im benachbarten Breesen, dem die Teile gehören. Dieser hatte sich zu Beginn des Verkaufs noch zur ungewöhnlichen Geschichte "seiner" Mauerteile geäußert, jetzt will er aber keine Fragen mehr beantworten.

Die damalige LPG Pflanzenproduktion Breesen hatte nach dem Fall der Mauer 1990 gleich 600 solcher Betonsegmente von Berlin in den Nordosten geholt - als preiswertes Baumaterial. Für 200 bezahlte sie kurz vor der Währungsunion 1990 exakt 37 000 DDR-Mark. "Verkauf aus Demontage" steht auf der von den DDR-Grenztruppen ausgestellten Quittung, die später in Auktionskatalogen abgebildet wurde.

Die "Winkelstützelemente Typ UL 12.41" standen auf 46 der 155 Kilometer Grenze rund um das damalige West-Berlin. Eigentlich waren sie für den Silobau entwickelt und an der Grenze nur zweckentfremdet verbaut worden, wie Landwirte mit DDR-Erfahrung zu berichten wissen. Viele der 45 000 Segmente wurden von 1990 an demontiert und zu Schotter verarbeitet.

Die Breesener entsannen sich des ursprünglichen Zwecks ihres Silo-Baumaterials erst Jahre nach dem Erwerb. Sie begannen die Bemalung der Mauerelemente wieder aufzufrischen und die tonnenschweren Teile in die Versteigerung zu geben. Allein die ersten vier brachten nach Angaben des Auktionshauses 7800 Euro. Ihre einstigen Kosten dürfte die Agrarfirma längst wieder "drinhaben".

Auf Fragen, wie viele Mauerteile sie insgesamt wieder aus ihren Silos ausgebaut und verkauft hat, mag man in Breesen inzwischen nicht mehr antworten.

"Sie haben aber schon öfter wieder angerufen und gefragt, ob wir für sie noch weitere Mauerteile versteigern würden", berichtet Plettner. Denn die Nachfrage ist längst nicht mehr so groß wie in den frühen Jahren nach dem Mauerfall.

Damals waren die Mauerteile noch weltweit begehrt. "Anfangs hat es Käufer aus Italien, Frankreich, der Schweiz und den USA gegeben und sogar aus dem Vatikan", erinnert sich Plettner. Dann holten sich beispielsweise deutsche Hoteliers die Teile, um ihre Anwesen symbolträchtig zu dekorieren. Und während die versteigerten Teile anfangs aus dem Erbe der öffentlichen Hand stammten und "für bis zu umgerechnet 12 000 Euro pro Stück" weggingen, kamen Stücke aus privater Hand, wie etwa der Breesener Agrarfirma, erst viel später auf den Markt.

Zuletzt wurden in Berlin im Mai zwei Mauerteile versteigert. Aber nur für eines fand sich ein Erwerber zum Mindestgebot von 2000 Euro.

Mehr ist wohl nicht mehr zu holen, wie auch Plettner weiß. "Die Stücke sind ja auch irre sperrig: Wer in München wohnt, muss fast dasselbe nochmal für den Transport bezahlen."

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