Demokratie auf Rädern

von
19. April 2009, 05:54 Uhr

Schwerin | Dieser Bus fällt auf. Ob vor dem Schweriner Schloss, auf dem Edeka-Parkplatz in Demmin oder in der Jugendvollzugsanstalt Neustrelitz - wo der "Demokratie-Bus" auftaucht, sorgt das 230 PS starke Gefährt mit seiner bunten ungewöhnlichen Beschriftung für Aufsehen. Drei Worte stehen für das Konzept: "Demokratie auf Achse."

"Wenn wir mit den Menschen in unserem Flächenland ins Gespräch kommen wollen, müssen wir mobil sein", erklärt der Direktor der Landeszentrale für politische Bildung, Jochen Schmidt. In der Vergangenheit war der Einrichtung vorgeworfen worden, sich nahezu ausschließlich auf die großen Städte Schwerin, Rostock und Neubrandenburg zu konzentrieren - zu wenig für ein Flächenland. Das hat die Landeszentrale in Zusammenarbeit mit dem Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen und dem Bildungsministerium im vergangenen Jahr geändert. Seit Mai 2008 ist der Bus "Demokratie auf Achse" im Land unterwegs und hat seitdem 43 Orte und Veranstaltungen besucht sowie 7000 Kilometer zurückgelegt.

Schüler werden zu SpitzenkandidatenDas Angebot, mit dem der Bus übers Land fährt, ist vielfältig. "Wir machen tagsüber Station auf Schulhöfen und Marktplätzen und bieten abends Veranstaltungen vor Ort an", erzählt Jochen Schmidt. Schulen können den Bus für Projektstunden zu aktuellen und historischen Themen buchen. 34 Bildungseinrichtingen im Land haben von diesem Angebot bereits Gebrauch gemacht.

Aktuelles Hauptthema im Demokratie-Bus derzeit: Die Kommunal- und Europawahlen am 7. Juni. Spielerisch wird den Schülern der Sinn einer Wahl näher gebracht. Dazu organisiert die Stammbesatzung des Busses, der 29-jährige Politologe Carsten Socke und die 26-jährige Kulturwissenschaftlerin Anette Blaschke, Planspiele. Die Schüler bilden Parteien, bestimmen Spitzenkandidaten, entwerfen und drucken Wahlplakate. Danach werben sie um Stimmen in der Klasse. "Die Resonanz ist sehr gut, die Schüler sind fast immer mit Eifer dabei", sagt Socke.

Kein Weg ist dem Bus zu weit und kaum ein Ort zu ungewöhnlich. "In der Jugendhaftanstalt Neustrelitz passte der Bus nur knapp durch die Gefängnisschleusen", erzählt Socke. Nach Anweisung der Anstaltsleitung durften vier Häftlingsgruppen jeweils eine halbe Stunde in das Demokratie-Fahrzeug. Für die jungen Häftlinge war das eine willkommene Abwechslung.

Der MB 303, von einem Unternehmen bei Woldegk gemietet, ist mit Informationsmaterial, Büchern, einem Glücksrad mit Fragen zum aktuellen politischen Geschehen, einem Pavillion für Veranstaltungen vor dem Bus und Aufstellern ausgerüstet. In der Mitte stehen Sitze, ein Tisch und zwei Monitore für Filme. Der Demokratie-Bus bietet auch Beratung zu Fragen der Rehabilitierung und Entschädigung für SED-Opfer und auch die Möglichkeit, einen Antrag auf Akteneinsicht in der Birthler-Behörde auszufüllen. 350 Menschen haben am Bus bisher Einsicht in ihre Stasi-Akteneinsicht beantragt.

Resonanz und Themen sind in den einzelnen Regionen unterschiedlich, wenn der Bus am Nachmittag zwischen Boizenburg und Ueckermünde vor Einkaufszentren und Marktplätzen steht. "In einigen ländlichen Gegenden merkt man schnell, dass dort schon lange nicht mehr über Politik geredet wurde", sagt Jochen Schmidt. Im Uecker-Randow-Kreis sind die EU, Polen und Hartz IV ein immer wiederkehrendes Thema in den Gesprächen mit den Besuchern. In Rostock geht es häufiger um Rechtsextremismus und die Auseinandersetzungen mit rechten Szeneläden.

Auch im Schweriner Bildungsministerium bewertet man "Demokratie auf Achse" als Erfolg. Minister Henry Tesch (CDU): "Mit dem Projekt wird nachhaltig politische Bildung ins Land getragen."

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen