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24. November 2017 | 01:24 Uhr

Rostock : Demenz-WG im Spielefieber

vom

Mittlerweile gibt es sie seit fünf Jahren, die WG Demenz. Mit ihr betrat die Awo damals in Neuland. Ziel des Pilotprojekts war es, das Spektrum an Wohngelegenheiten für ältere Menschen zu erweitern.

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erstellt am 01.Jan.2011 | 02:50 Uhr

"Kann ich?", fragt Hans-Jürgen Scheffka und greift nach der Kreuz 4. "Nein Hansi, die nehm ich. Dafür geb ich dir was anderes Schönes", antwortet Hans-Joachim Dudek. Seit Tagen ist die Awo-Wohngemeinschaft für Demenzkranke in Schmarl im Spielefieber. Heute Nachmittag hat sich eine Gruppe von drei Bewohnern und zwei Mitarbeitern zum Rommé um den runden Tisch im Gemeinschaftsraum versammelt. "Karten- und Brettspiele gehören momentan zu den Lieblingsbeschäftigungen der WG-Mitglieder", sagt Teamleiterin Annette Burr. Sport- und Bewegungsangebote seien dagegen weniger gefragt. Meist orientiere sich das Freizeit-Programm an den Wünschen der Bewohner.

Mittlerweile gibt es sie seit fünf Jahren, die WG Demenz. Mit ihr betrat die Awo damals in Rostock Neuland. Ziel des Pilotprojekts war es, das Spektrum an Wohngelegenheiten für ältere Menschen zu erweitern, vor allem um solche Modelle, die ein weitestgehend selbstbestimmtes Leben ermöglichen. Das Angebot der Wohngemeinschaft mit acht Plätzen richtet sich sowohl an Demente als auch an psychisch Erkrankte, die nicht mehr allein leben können. Rund um die Uhr sind Mitarbeiter eines ambulanten Pflegedienstes vor Ort, um den Bewohnern bei der Bewältigung des Alltags zu helfen.

Beim Rommé brauchen diese jedoch keine Unterstützung. Raik Niemann, der Zivildienstleistende in der Gruppe, spielt zwar mit, aber gegen Hans-Jürgen Scheffka, der als Favorit gilt, hat er kaum eine Chance. "Hansi spielt gern und gewinnt auch viel", sagt Hans-Joachim Dudek. Heute ist er gar so sehr ins Spielen vertieft, dass er seinem älteren Bruder, der ihn besuchen kommt, zur Begrüßung nur kurz zuwinkt. Otto Scheffka nimmt ihm das nicht krumm. Vielmehr ist es für ihn ein Zeichen, dass sein Hans-Jürgen hier gut aufgehoben ist und seinen festen Rhythmus hat. "Etwas Besseres gibt es nicht", sagt der Rostocker, der seinen Bruder über Jahre selbst betreute. Mit dessen Einzug in die Demenz-WG vor knapp fünf Jahren sei eine große Last von ihm abgefallen. Diese Einrichtung, "das ist das Richtige". Davon war und ist er nach wie vor überzeugt. Und wenn sein Bruder Sehnsucht nach ihm habe, könne er ihn ja anrufen. "Aber ich glaube, er hat gar keine Sehnsucht mehr", sagt Otto Scheffka und tätschelt ihm liebevoll die Wange.

Nicht nur beim Kartenspiel ist der 68-Jährige mit dem gekrümmten Rücken voll in die Gruppe integriert. Er übernimmt auch Aufgaben im Haushalt. Heute Vormittag hat er schon gefegt und gewischt, morgen ist er für den Küchendienst eingeteilt. "Du bist fleißig, du machst alles gern", lobt ihn Teamleiterin Annette Burr. Putzen, Bügeln, Einkaufen, Kochen oder Abwaschen - zur Philosophie der Einrichtung gehört, dass die Bewohner so viel wie möglich so lange wie möglich selbst erledigen, jeder nach seinen Fähigkeiten. "Ganz allein macht aber keiner mehr etwas", sagt Burr. Denn viele seien orientierungslos und könnten noch nicht einmal ihre Rezepte selber in der Apotheke einlösen.

Dass er in häuslichen Dingen unselbstständig ist, ist Hans-Joachim Dudek, der in der Rommé-Runde als Herausforderer antritt, durchaus bewusst. Mit seinen 57 Jahren gehört er zu den jüngeren Bewohnern. Er lebt seit einem Jahr in der Demenz-WG. "Ich habe keinen Grund zu klagen", sagt der Mann mit den tätowierten Unterarmen, der früher zur See gefahren ist. Hier sei keiner bockig oder bösartig, man komme gut miteinander aus. Trotzdem würde sich Dudek auch gern mal wieder beweisen. Zum Beispiel wünscht er sich, er könnte spazieren gehen und wissen, dass er allein zurückfindet. Und manchmal wünscht er sich auch, er könnte allein leben. Aber seiner Schwester sei wohler, wenn er in der Wohngemeinschaft bleibe, sagt er. Bevor Dudek nach Rostock zog, lebte er in Zittau und davor in Berlin. Eines Tages ging er dort spazieren und wusste plötzlich nicht mehr, wo er war. Irgendwann fand man ihn dann und benachrichtigte seine Angehörigen. "Heute kann ich mich ganz dunkel wieder erinnern", sagt der 57-Jährige.

Die Erinnerungen der Bewohner wieder hervorzuholen, das ist auch das Ziel von Teamleiterin Anette Burr und ihren Mitarbeitern. Biografiearbeit kann dabei helfen. Dazu gehört, dass Burr sagt: "Heute machen wir Krustenbraten. Überlegen Sie mal, welche Zutaten wir dafür brauchen." Riechen, Tasten, Schmecken seien dabei ganz wichtige Sinnesanregungen. Eine andere Übung ist die Zehn-Minuten-Aktivierung. Dabei stellt die Mitarbeiterin beispielsweise ein altes Bügeleisen auf den Tisch und der Demenzkranke erzählt, was ihm dazu einfällt.

"Mensch, bin ich ein Ferkel", schimpft plötzlich eine ältere Dame mit kurzen grauen Haaren. Sie steht an der Tür zu ihrem Zimmer und scheint den Tränen nah zu sein. Auf ihrem Teppichboden liegt das Weihnachtsgesteck, das sie von ihrer Tochter geschenkt bekommen hat, samt Vase, das Wasser ist ausgelaufen. Sie ist hilflos, weiß nicht, was sie tun soll. "Tut mir so leid." "Nein, das braucht es nicht, das passiert jedem mal", sagt Burr mit ruhiger, freundlicher Stimme und holt sofort einen Lappen. "Ist doch nur Wasser, ich wisch das weg." Die alte Dame schüttelt den Kopf: Wie konnte das bloß passieren? Dann verlässt sie ihr Zimmer und sieht den Männern im Gemeinschaftsraum eine Weile beim Kartenspiel zu. Selbst mitmachen möchte sie lieber nicht. "Das wird mir ein bisschen viel", sagt sie. Aber neugierig ist sie dennoch.

Viele Demente lebten eher zurückgezogen, wie die Teamleiterin berichtet. Um zu vermeiden, dass einer überhaupt nicht in die Wohngemeinschaft passt, müssen sich hier alle Zimmerinteressenten persönlich vorstellen. Entweder sie kommen zu Kaffee und Kuchen vorbei oder sie bleiben gleich einen ganzen Tag da. Am Ende entscheide dann die Gruppe, ob die Chemie stimmt, sagt Burr. Dann heiße es zum Beispiel: "Die war niedlich, die kann wiederkommen." Derzeit ist ein Platz in der WG frei.

Unter den Bewohnern gebe es auch einen Eigenbrötler, der noch nie gern Karten gespielt habe und es deshalb auch heute nicht mache, erzählt die Betreuerin. Stattdessen bringe er sich aber an anderer Stelle ein, trockne ab, gehe einkaufen oder nehme an einem Ausflug teil. "Wichtig ist, dass wir die Bewohner respektieren und wertschätzen, so wie sie sind, und nicht versuchen, sie zu erziehen", sagt Burr. Das heißt auch, dass hier jeder seine Marotten pflegen kann. Wer bis mittags schläft, schläft eben bis mittags.

Die Rommé-Runde am Wohnzimmertisch neigt sich dem Ende zu. Zivi Raik Niemann hat seinen Sieg bereits abgeschrieben. Nicht so Hans-Jürgen Scheffka. "Herz Bube - kann ich oder willst du den?", fragt er. "Bitte, bitte, ich hätte schon geschrien", antwortet Hans-Joachim Dudek. Dann fordert der ehemalige Matrose seine Mitspieler noch ein letztes Mal auf, sich zusammenzureißen und ihr Bestes zu geben: "Konzentration, meine Herren. Nachher ist das Geschrei groß, wenn ihr verliert."

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