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Schwerin: Kosten 1,9 Millionen Euro : Dem Schloss auf den Putz hauen

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Sisyphus-Arbeit im Innenhof des Schweriner Schlosses: Restaurator Matthias Mann arbeitet seit Jahren an der Instandsetzung des schönsten Landtages der Bundesrepublik.

svz.de von
erstellt am 26.Jul.2011 | 10:55 Uhr

Feingliedrig und detailverliebt waren sie, vom Ruß zerfressen und rissig sind sie - seit etwa 150 Jahren zieren 9525 Terrakotten das so genannte Neue Lange Haus des Schweriner Schlosses. Die Geschichte hat tiefe Spuren in der Fassade der ehemaligen herzoglichen Residenz hinterlassen. Vor allem die mit Kohle betriebene Schlossheizung bedeckte die Köpfe, Obst- und Gemüsegirlanden auf den Terrakotten mit einer rußigen Schicht. "Die salzige Kruste zersetzte den Ton, Wasser dringt ein, kommt dann noch Frost hinzu, sprengt ganze Stücke aus der Fassade", sagt Rolf Krause, Chef-Restaurator. Seit 1985 ist die Instandsetzung des Schlosses sein Lohn und Brot, "quasi eine Lebensaufgabe", sagt er. Krause ist mit fast jeder Terrakottaplatte per "du". In Sisyphus-Arbeit nahm er jeden Stein der Innenhofseite am Neuen Langen Haus in Augenschein, kartierte jeden in einem Fassadenüberblick, gab ihnen Schadensklassen und machte so eine Bestandsaufnahme, "denn genaue Steinkataloge gibt es nicht mehr", sagt er. 175 verschiedene Motive zählte der Restaurator.

Für den schönsten Landtag in der Bundesrepublik nimmt Mecklenburg-Vorpommern mehrere Millionen Euro in die Hand. Allein die Instandsetzung der hof- und seeseitigen Fassade des Neuen Langen Hauses schlägt mit 1,9 Millionen Euro zu Buche. Das hört sich viel an. "Aber es ist Geld in Größenordnungen, in denen andere Länder nicht einmal einen neuen Landtag bauen könnten", sagt Pressesprecher Dirk Lange. Die Sanierung des Parlamentssitzes ist eben eine aufwändige Sache.

Genauso wie einige Abgeordnete werden in der nächsten Legislatur auch mehrere Terrakotten keinen festen Platz mehr im beziehungsweise am Schloss erhalten. Einigen Platten verschrieb Krause eine restauratorische Verjüngungskur, andere werden komplett ersetzt. Dabei ist das Nachbrennen der Plastiken ein äußerst kompliziertes Verfahren, bei dem Einiges schief gehen "und Arbeit von Monaten zunichte machen kann", so der Diplom-Designer. Für die Nachbildungen müssen die Fachleute einen Abdruck nehmen, dafür kopieren Bildhauer das Objekt mit Gips nach. Weil die Terrakotten im Brennvorgang bis zu zehn Prozent Volumen einbüßen, können die Abdrücke nicht eins zu eins vom Original direkt genommen werden. "Und wenn schlecht gearbeitet wurde, kriegen die Exemplare beim Brennvorgang Risse, dann geht alles von vorne los", sagt Krause. Da die Terrakotten, bevor sie in den Ofen einer Ziegelei kommen, zunächst drei Monate trocknen müssen, ist das Verfahren sehr zeitaufwändig. Die Terrakotten, die an der Fassade verbleiben, reinigen Restauratoren mit Laser und Lanzette - eine Geduldsprobe. Für einen Dachgiebel veranschlagen sie dabei bis zu eineinhalb Jahre. Um den Ruß von der Oberfläche und aus den äußeren Schichten der Plastiken zu ziehen, legen die Spezialisten über Monate Zellstoffschichten mit destilliertem Wasser auf. Ein Vorgang, der nur bis zu Außentemperaturen von fünf Grad Celsius möglich sind. "Wir können die Fassade ja schlecht beheizen", sagt Bauprojektleiter Jürgen Schröder. Tägliche Klimaprotokolle bilden die Grundlage für die Restauration.

Das Besondere: "Wir wollen, dass Betrachter auch nach der Fertigstellung alte und neue Steine mit dem bloßen Auge unterscheiden können", erklärt Bauprojektleiter Schröder. Der Giebel soll im kommenden Jahr entrüstet werden. Die Restauratoren arbeiten sich von oben nach unten an der Fassade entlang. Chef-Restaurator Krause bezeichnet das Schloss längst als "sein Baby". Wie ein Vater hat er Vorsorge getroffen: Kopien seiner Steinkataloge bewahrt er für seine Nachfolger auf.

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