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Dem Dunkel des Vergessens entrissen

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erstellt am 22.Sep.2010 | 07:06 Uhr

Schwerin | Musik der von den Nazis verfemten, verfolgten und ermordeten Komponisten aus dem Dunkel des Vergessens wieder ans Licht zu holen und damit zugleich die Erinnerung an die Verbrechen der NS-Diktatur wach zu halten - diesem Ziel hat sich das Schweriner Festival Verfemte Musik verschrieben, das gestern mit einem Festkonzert im Staatstheater eröffnet wurde. Insgesamt 61 junge Musiker aus 18 Ländern werden in den nächsten Tagen in Wettbewerbsvorspielen Kompositionen einst verfemter Künstler vortragen. Zum Programm gehören aber auch Konzerte, Zeitzeugengespräche und Ausstellungen.

Im Mittelpunkt des diesjährigen Festivals steht der jüdische Komponist Alexandre Tansman. Mit seinem Schicksal haben sich Schüler des Gymnasiums Fridericianum in Form eines Theaterstücks beschäftigt, gestern wurde eine dazugehörige Ausstellung in der Galerie MV Foto im Beisein von Mireille Tansman eröffnet, der Tochter des vor den Nazis in die USA geflohenen Künstlers. Dessen wichtigste vierhändige Klavierwerke interpretierte beim Festkonzert am Abend das Duo Friederike Haufe und Volker Ahmels. Zudem erklangen Kompositionen von Musikern, die mit Tansman befreundet war, wie Igor Strawinsky, Darius Milhaud und Ernst Toch.

Zeitzeugen des Holocaust und weitere Festivalteilnehmer hatten sich gestern Nachmittag mit den beiden Schirmherren des Festivals, Schwerins Oberbürgermeisterin Angelika Gramkow und Janusz Marszalek, Oberbürgermeister von Oswiecim (Auschwitz), im Rathaus getroffen. Dort wurde eine Gedenktafel vorgestellt, mit der die Landeshauptstadt an die zwischen 1942 und 44 nach Theresienstadt deportierten und umgekommenen Schweriner erinnert. Die Tafel, die auf Anregung von Armin Jäger und Michael Klähn vom Förderverein des Jüdischen Gemeindezentrums Schwerin in Auftrag gegeben wurde, soll im Kolumbarium von Theresienstadt angebracht werden. "Ein guter Platz dafür", sagte Zwi Cohen, und erzählte, wie er als Kind dort die Asche seiner im KZ ermordeten Großeltern Gustav und Jette und vieler anderer Gefangener zum Fluss Eger tragen musste. "Es hilft der Welt, aus der Vergangenheit zu lernen für eine gute Zukunft, damit nie wieder so etwas geschieht wie in Auschwitz", fügte Oswiecims Oberbürgermeister hinzu.

"Wir nehmen Geschichte sehr ernst und wir engagieren uns dafür, dass sie nicht in Vergessenheit gerät. Es geht darum, Verantwortung zu tragen", sagte Angelika Gramkow. Deshalb sei dieses Festival etwas Besonderes: "Er ist nicht nur ein musikalisches, sondern auch ein Forschungsprojekt, das sich wissenschaftlich mit den Lebensläufen und Werken der von den Nazis verfemten Künstler auseinandersetzt." In der von Stefanie Schiewe erarbeiteten Ausstellung "Berühmt und wieder vergessen" in der Galerie MV Foto ist dies überzeugend gelungen. Aufgezeigt wird nicht nur Tansmans Lebensweg. Die Schau dokumentiert auch seine einstige Popularität. Charlie Chaplin hatte sogar ein Unterstützungskomitee gegründet, um Tansman vor den Nazis zu retten. Später wurde dessen Musik in der US-Kongressbibliothek und anderen großen Häusern aufgeführt.

Programmtipps:

Donnerstag
9.30 Uhr, Konservatorium: öffentliche Wettbewerbsvorspiele Kammermusik
10 Uhr, Schleswig-Holstein-Haus: öffentliche Wettbewerbsvorspiele Solo
20 Uhr, Konzertfoyer: Gespräch mit Mireille Tansman, Musik mit Silesian String Quartet

Freitag
10 Uhr, Konservatorium: öffentliche Wettbewerbsvorspiele Kammermusik
10 Uhr, Schleswig-Holstein-Haus: öffentliche Wettbewerbsvorspiele Solo
20 Uhr, Stadtwerke: Jazzkonzert mit dem Coco Schumann Quartett

Sonnabend
19 Uhr, Konzertfoyer: Konzert mit dem Ensemble „Voix Etouffées“

Sonntag
11 Uhr, Konzertfoyer: Liedermatinee mit Norman Shetler und Andrea Lauren
16 Uhr Konzertfoyer: Festival-Abschluss mit Vorspielen der Wettbewerbssieger

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