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Verein zeigt "Freies Land" : Defa-Film begeistert Goldberger

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Während einer Sondervorstellung hat der Verein "Goldbergkunst" in seiner Galerie in der Langen Straße mit "Freies Land" den zweiten DEFA-Film gezeigt, der unmittelbar nach Kriegsende entstanden ist.

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erstellt am 27.Jun.2013 | 10:30 Uhr

Während einer Sondervorstellung hat der Verein "Goldbergkunst" in seiner überfüllten Galerie in der Langen Straße mit "Freies Land" den zweiten DEFA-Film gezeigt, der unmittelbar nach Kriegsende entstanden ist. Seine Hauptthemen sind das Problem der Integration von Millionen vertriebener Menschen und die erste Bodenreform. Diese Reform war damals nicht nur ein Thema in der sowjetisch besetzten Zone Nachkriegsdeutschlands. Auch die West-Alliierten liebäugelten mit diesem Instrument, um die Millionen von Flüchtlingen anzusiedeln und selbst für ihre Ernährung sorgen zu lassen. Auch spukte in manchen Köpfen das Bild von einem zukünftig bäuerlich geprägten Bild eines entmilitarisierten Deutschlands ohne jegliche Schwerindustrie herum.

Die Filmbilder wirken authentisch, fast dokumentarisch und schildern das Schicksal von Flüchtlingen in einem Dorf in der Westprignitz (Mark Brandenburg). Sie erhalten Land der geflohenen Junker zugewiesen. Unter ihnen ist auch die junge Frau Jeruscheit (Ursula Voß), die eines ihrer Kinder auf der Flucht am Wegrand begraben musste. Ihr Mann gilt als vermisst. Zusammen mit anderen Umsiedlern begreift sie die Landzuteilung durch die Bodenreform als Chance für einen Neuanfang. Nach und nach wachsen Landarbeiter, Bauern und Umsiedler zu einer solidarischen Dorfgemeinschaft zusammen. Auch der vermisst geglaubte Jeruscheit findet seine Familie wieder.

"Freies Land" ist ein ruhiger und bescheidener Film, in dem das Schicksal eines Dorfes und seiner Menschen dargestellt wird. Ästhetisch erinnert er mit seiner Kameraführung durch Otto Baecker an Filme großer italienischer Regisseure wie Michelangelo Antonioni oder Vittorio de Sica. Seine Ästhetik zeichnet sich durch distanzierte Beobachtung, langsamen Filmschnitt und atmosphärisch opulente, tonwertreiche Schwarz-Weiß-Bilder aus. Von der Bildsprache her erinnert "Freies Land" an die epischen Sowjet-Filme der 20er Jahre. Ein weiteres Merkmal des Filmes ist es, dass die damalige Produktionsgruppe um Kurt Hahne sehr geschickt und intelligent eine Reihe von Laiendarsteller eingesetzt hat.

Die Bodenreform wird als ein notwendiger und gerechter Schritt porträtiert. Aus der Synthese von Dokumentar- und Spielfilm folgte ein Mischstil, der das Ufa-verwöhnte Publikum und die Kritiker jedoch ziemlich verstörte. Der Film ist außerdem als Propagandafilm für den Sozialismus diffamiert worden. Bei den Autoren handelte es sich aber eher um bürgerlich geprägte Filmleute, die aus freien Stücken, eigenen Erlebnissen und vor Ort diesen Film entwickelt haben. Dazu brauchten sie keine Anweisung von "oben", zumal es das 1946 noch gar nicht gab. Umso mehr ist der Film ein wertvolles Dokument einer Anstrengung von Geschichte und von Kunst. Zu seiner ästhetischen Wirkung trug auch die Filmmusik des bekannten Komponisten Werner Eisbrenner bei. Der Produzent Kurt Hahne arbeitete auch am Drehbuch mit. Dessen Sohn Peter hatte die Dreharbeiten als Zehnjähriger miterlebt und wusste aus erster Hand von den damaligen Zeiten zu berichten.

Goldbergkunst-Kurator Gerhard Stromberg lobte den Film als ein wahrhaft erstaunliches Werk und einen in dieser Form einzigartigen Versuch, Zeitgeschichte zu bewältigen - unmittelbar, ungesichert durch Distanz, Erfahrung oder auch komplexes Wissen: "Soziale Prozesse wirken wie im Moment ihres Werdens eingefangen, wie eine Chronik oder als eine Art visuelles Tagebuch." Danach betrachtete Professor Dr. Mario Niemann vom Historischen Institut der Universität Rostock als Verfasser mehrerer Bücher über das ländliche Leben im Mecklenburg des 20. Jahrhunderts den Film im Kontext seiner Entstehungszeit. Die abschließende Diskussion wurde von der Berliner Journalistin und Autorin Adelheid Wedel moderiert. Sie war Kulturredakteurin der Wochenzeitung "Sonntag" und arbeitet heute u.a. für die Kultur-Sparte von Deutschlandradio. Außerdem hat sie Bücher über das zeitgenössische Deutschland veröffentlicht.

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