DDR-Unrecht in den Lehrplan

Dass die DDR ein Unrechtsstaat war, darin sind sich alle einig, die am Mittwoch im Rahmen des Bützower Häftlingstreffens der Frage nachgingen: "Können wir aus der Geschichte lernen?" Problem ist, dies auch jungen Menschen zu vermitteln.

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14. Oktober 2009, 09:50 Uhr

Bützow | Unrecht am eigenen Leib spürte Inge Leonhardt. Die 74-Jährige flüchtete mit 19 Jahren nach Schleswig-Holstein. "Mein Vater war Pfarrer, und ich war nicht in der FDJ", erzählt die freiberufliche Lehrerin, die heute in Bayern lebt. Aus diesen Gründen habe man ihr Abitur nicht anerkannt, zum Studium wurde sie nicht zugelassen. Das war im ereignisreichen Jahr 1953. "Kurz nach dem 17. Juni bekam ich plötzlich doch noch mein Zeugnis zugeschickt", erzählt sie. Doch die Freude hielt nicht lange an. Bereits im Oktober "wurde die Schlinge wieder fester gezogen." Für das Studium an der Berliner Universität wurde sie nicht angenommen, aus den gleichen Gründen wie vor dem 17. Juni. Das junge Mädchen sah nur einen Ausweg: die Flucht in den Westen.

Der Unrechtsstaat DDR. Ein Thema, das heute in den Köpfen der Schüler kaum eine Rolle zu spielen scheint. So lautet der einheitliche Tenor der anwesenden ehemaligen politischen Häftlinge und der Referenten am Mittwoch beim Häftlingstreffen. Ulrich Bongertmann vom Bildungsministerium sprach aus Sicht der Pädagogen und gab zu, dass politische Themen nicht hoch im Kurs stünden. "Seit einiger Zeit hat es sich etabliert, dass jeder Schüler mit seiner Klasse eine Gedenkstätte besucht", sagt er. Ein erster Ansatz, um Jugendliche für das Thema DDR zu sensibilisieren. Bongertmann hofft auf den Generationswechsel bei Lehrern. Bei jungen Pädagogen sei das Thema DDR hoffentlich besser verankert.

Bei der gestrigen Veranstaltung blieben Experten und Zeitzeugen unter sich. Schüler waren nicht anwesend. Im Publikum wurde die Frage aufgeworfen, weshalb sich die Bützower Schulen nicht für diese Themen interessieren würden. Dagegen argumentierte Inge Leonhardt, die am Vormittag mit Schülern der 10. Klasse sprach: "Es war überwältigend, wie die Bützower Jugendlichen persönlich ergriffen waren, als wir von unseren Erlebnissen erzählten." Für sie sei die persönliche Betroffenheit die erste Voraussetzung dafür, dass sich Jugendliche interessieren. Das sagt auch die Politikwissenschaftlerin mit dem Spezialgebiet Menschenrechte, Professor Anja Mihr. Sie gab die Schlagworte "Wissen, Empörung, Handeln" vor.

Dr. Andreas Wagner vom Verein Politische Memoriale will im kommenden Jahr mit Hilfe der Stadt an die Schulen gehen und dort Vorträge und Projekte anbieten. "Die Schüler sind inte ressiert, aber wir müssen an sie herantreten", so Wagner.

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