Dassow speckt ab - Spanier setzen auf kleine Firmenlösung

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17. April 2008, 08:54 Uhr

Grevesmühlen - An einen Neuanfang werden von den CD-Werkern wohl die wenigsten glauben: Zu tief sitzen die Enttäuschungen der letzten Monate, als die einst größte CD-Schmiede Europas in einer der spektakulärsten Pleiten der letzten Jahre endete, als das ehemalige Vorzeigeunternehmen in eine der größten Förderaffären in MV verstrickt wurde. Seitdem ist den ehemals 1100 Beschäftigten außer Ankündigungen und gescheiterten Verkaufsgesprächen nicht viel geblieben. Jede Menge Papier wurde bisher beschrieben, mehr nicht, meinen Beteiligte.

Spanische Investoren läuten jetzt eine neue Runde im Übernahmepoker ein. Schon in etwa vier Wochen will die Iberdisc-Gruppe in Dassow starten. Das Werk „passt perfekt“, sagte Chef Christian Spychala gestern nach ersten Verhandlungen vor Ort. „Die Gespräche waren zufriedenstellend.“ Der noch verbliebene Maschinenpark sei in sehr gutem Zustand. Nach einer zweiwöchigen Anlaufphase könnte das Werk „modulweise wieder angefahren werden“. Fachleute prüften derzeit den Arbeitskräftebedarf. Spychala: „Aufträge liegen auf dem Tisch.“ Die Spanier wollen in Mecklenburg das DVD-Nachfolgeformat Blu ray herstellen, das u. a. in Spielekonsolen genutzt wird. Mehrere Millionen Euro sollen investiert werden.

So weit ist es aber noch nicht. Erste Unterlagen seien zwar ausgetauscht, dämpfte Insolvenzverwalter Marc Odebrecht die Erwartungen. In ein bis zwei Wochen könnten konkretere Angaben gemacht werden. Für den 30-jährigen Spychala und seine Iberdisc-Gruppe spricht derweil, dass er bereits in Polen das ehemalige und ebenfalls in die Pleite gerutschte ODS-Werk wieder ans Laufen gebracht hat.

Dort hatten die Spanier zunächst mit 40 Mitarbeitern begonnen. Jetzt sind es nach eigenen Angaben 100 Beschäftigte, in Kürze sollen es 200 sein. Im Rennen sind aber auch noch der dänische Konzern Dicentia und die mit dem Dassower Ex-Chef Wilhelm F. Mittrich verbundene britische Spin-Gruppe.

Allerdings: Zumindest Dicentia hat indes schlechte Karten. Wie bereits das ODS-Werk Dassow sind jetzt auch die Dänen wegen nicht gezahlter Lizenzabgaben unter Druck geraten, hieß es gestern.
Unterdessen stößt das Bieterverfahren ausgerechnet bei dem für die Mega-Pleite zu großen Teilen verantwortlichen Ex-Chef Mittrich auf Kritik. „Mit Trauer sehe ich, was in Dassow passiert“, sagte der einst gefeierte Manager gestern gegenüber unserer Redaktion. Er hoffe, dass es in Dassow demnächst eine Lösung gebe.

Aber: „Ohne mich. Das Thema ist für mich abgeschlossen.“ Mit 59 Jahren wolle er sich jetzt aufs „Altenteil zurückziehen“. Mittrich war in der Vergangenheit vor allem wegen seiner Geschäftsgebaren in die Kritik geraten. Da wurde verschleiert, in der Firmengruppe hin- und hergeschoben und so Gewinne gemacht, hatten Branchenkenner beobachtet. Kein Kommentar, sagte Mittrich gestern. „Das wird ein Ermittlungsverfahren klären.“ Jetzt droht dem Manager neuer Ärger: Vor wenigen Tagen sei auch für die ODS Holding in Hamburg vorläufige Insolvenz beantragt worden, erklärte Mittrich.

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