Dassow-Bewerber springen ab

Die Chancen für die teilweise Weiterführung des insolventen CD-Werkes Dassow verringern sich immer mehr: Jetzt zog der spanische CD-Hersteller Iberdisc sein Übernahmeangebot überraschend zurück. Damit bewirbt sich nur noch der dänische Dicentia-Konzern um die ehemals größte CD-Schmiede Europas.

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14. Mai 2008, 08:31 Uhr

Grevesmühlen - Die Spanier ziehen sich zurück. Bei Zustimmung der Gläubiger wollte Iberdisc-Chef Christian Spychala eigentlich die Ende Februar eingestellte CD-Fertigung zunächst mit 170 Beschäftigten wieder aufnehmen. Daraus wird nun nichts mehr. Iberdisc habe nach „enttäuschenden“ Verhandlungen und überraschend aufgetretenen Risiken durch mögliche Klagen der ehemals 1100 Mitarbeiter das Angebot für Dassow zurückgezogen, sagte Spychala. „Die Risiken sollten allein an den Käufer übertragen werden.“ Er kritisierte zugleich das Verhalten des Gläubigerausschusses und des Insolvenzverwalters. Mehrmals habe er sein Übernahmekonzept nach immer wieder neu auftretenden Forderungen ändern müssen. Während Iberdisc den Gläubiger sein auch vom Betriebsrat als tragfähig eingestuftes Übernahmekonzept erläutert habe, fand zeitgleich in Dassow der Ausverkauf der letzten DVD-Linien statt. Nach den bisherigen Verhandlungen habe er den Eindruck, dass in dem Gremium „die kurzfristige Verwertung der Vermögensgegenstände gegenüber etwaigen Fortführungskonzepten ... Vorrang hat“, ließ er in einem Schreiben an Insolvenzverwalter Odebrecht von seinem Anwalt mitteilen. Und weiter: „Die mangelnde Unterstützung durch Insolvenzverwalter und Gläubigerausschuss macht die Fortführung der Produktion am Standort Dassow endgültig zu einem Wagnis.“ Das Risiko sei „völlig untragbar“, so das Urteil der Iberdisc-Anwälte.

Insolvenzverwalter Marc Odebrecht wollte sich zu dem Rückzug der Spanier und den Vorwürfen nicht äußern. „Kein Kommentar“, sagte er gestern. Er sei „vorsichtig optimistisch“, dass in dieser Woche eine Entscheidung fallen werde. Die war ursprünglich schon vor dem Pfingstwochenende erwartet worden, wurde dann aber vom Gläubigerausschuss überraschend vertagt.

Betriebsrat Jürgen Thiergart reagierte gestern „maßlos enttäuscht“. Offenbar seien die Forderungen erneut so hoch geschraubt worden, dass der Investor die „Nase voll haben musste“. „Das ist ein Skandal“, sagte Thiergart. Mit dem Rückzug von Iberdisc bleibt offenbar nur noch ein Bewerber für das im Herbst 2007 in die Pleite gerutschte Werk: der dänische Dicentia-Konzern. Auch dazu wollte sich Odebrecht nicht äußern. Wie es in der Branche heißt, stehen die Dänen allerdings wegen Lizenzstreitigkeiten selbst unter Druck. Dem Konzern sollen notwendige Produktionslizenzen des Patentpools MPEG-LA fehlen, um in Dassow produzieren zu können. Ursprünglich hatte sich Dicentia gemeinsam mit der britischen Spin-Gruppe, die dem Dassower Ex-Chef Wilhelm F. Mittrich verbunden war, bemüht. Doch die Briten sprangen ab.

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