Das Warnsystem hat funktioniert

Der Fall der vier von ihrer Mutter getrennten Hagenower Kinder hat gestern für ein heftiges Medien-Echo gesorgt. Doch den von einigen Voreiligen vermuteten Riesenskandal gibt es nicht. Vielmehr gab die anonyme Anzeige nur den letzten Anstoß zum Handeln.

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28. März 2008, 07:22 Uhr

Sudenhof - Am Morgen noch hatte der Hausmeister die junge Mutter mit ihren vier Kindern auf der Straße getroffen. „Sie wollten in die Stadt laufen“, erzählt er. „Da schien alles in Ordnung. “ Keine neun Stunden später hielten mehrere Polizeiwagen vor dem Aufgang des Neubaublocks in Sudenhof. „Erst waren die Polizisten da, später die Mitarbeiter des Jugendamtes. Sie haben die Kinder mitgenommen, die Mutter blieb wohl so lange oben in der Wohnung“, erzählt Anwohner Siegfried Fischer.

Lange kennt er die Frau noch nicht. Sie war vor etwa vier Wochen aus Hagenow in den abseits gelegenen Plattenbau gezogen. Seitdem habe es hier ab und an mal Ärger gegeben, sagt der Hausmeister. Die Kinder hätten oft gebrüllt. Der Vater der jungen alleinerziehenden Frau wohnte einen Stock über der Familie. „Er wollte wohl helfen“, sagt der Hausmeister. „Aber sie ließ ihn nicht immer in die Wohnung.“

Bereits am Montag soll die Polizei schon einmal dagewesen sein, weiß Anwohner Siegfried Fischer. Nach einem anonymen Anruf aus der Nachbarschaft am Donnerstagabend kamen sie wieder und handelten.
Heute klebt ein Polizei-Siegel am Türrahmen der jungen alleinerziehenden Mutter. Während die 25-Jährige in psychologischer Behandlung ist, sind ihre zwei, sechs und sieben Jahre alten Kinder in Betreuungseinrichtungen untergebracht, der erst 13 Tage alte Säugling wird im Kreiskrankenhaus Hagenow versorgt. „Das Kind ist nicht unterernährt“, stellt Kinderärztin Sylvia Mahncke klar. „Es hat lediglich einen Infekt, den wir hier behandeln.“

Landkreis betreut Familie seit Februar

„Wir wussten von den Problemen der Familie und wir waren mit einer pädagogischen Hilfe dort seit Mitte Februar präsent“, erklärte gestern Reinhard Mach, der zuständige Dezernent für den Jugendbereich. Die 25-jährige Mutter sei auch am Donnerstag mit dem Baby beim Arzt gewesen, der bestimmte Dinge eingeleitet habe, die er nicht weiter beurteile. Man müsse, so Mach weiter, sehen, dass es nach der Anzeige zu einer besonderen Stresssituation bei der Mutter gekommen sei. Schließlich wären die Behörden mit großem Aufgebot bei ihr aufgekreuzt. In dieser Situation habe die Frau sehr schnell ihre völlige Überforderung eingestanden. „Alle Maßnahmen, die wir getroffen haben, sind mit vollem Einverständnis der Mutter erfolgt, wir haben nichts gegen sie unternommen.“

Der Säugling, knapp zwei Wochen alt, sei vor allem als Vorsichtsmaßnahme ins Hagenower Kreiskrankenhaus gekommen. Bei Kindern in diesem Alter sei eine ärztliche Aufsicht angezeigt. Trotz allem hätten vor allem die Nachbarn völlig richtig reagiert. Das schnelle Zusammenspiel der Behörden binnen Stunden habe zudem bewiesen, dass das System der Kinder- und Jugendhilfe im Landkreis funktioniere. Mach kritisierte allerdings die Öffentlichkeitsarbeit der Polizei, die zuviel verraten habe. Es gelte, auch das gehöre zum Jugendschutz, die Kinder vor allen Folgen zu bewahren.
Die Polizei hingegen durfte gestern zum Fall nichts mehr sagen, weil die Staatsanwaltschaft den Fall an sich gezogen hatte und damit auch die Meldungen an die Öffentlichkeit übernahm. Hans-Christian Pick, Sprecher der Staatsanwaltschaft, bestätigte gestern dem Privatsender Ostseewelle, dass zumindest wegen des Verdachts der Kindeswohlgefährdung ermittelt werde.

Intern war zu erfahren, dass die Polizei nicht nur in diesem Fall Druck gemacht hat, die Kinder aus den bisherigen Verhältnissen zu lösen. Seit dem Fall von Lea-Sophie in Schwerin wollen sich die Beamten in keinem Fall nachsagen lassen, sie hätten das Problem unterschätzt. Der Kreistag Ludwigslust hat am Donnerstag Abend über ein umfangreiches Maßnahmenpaket zur „Vermeidung der Kindeswohlgefährdung beraten und anschließend einstimmig verabschiedet.

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