Das Unfassbare

Das Datum 3. Juni schnürt vielen Menschen die Kehle zu. Es steht für das schlimmste Bahnunglück der deutschen Nachkriegsgeschichte, für 101 Tote, 105 Verletzte, für Schmerz und Leid. Heute ist es zehn Jahre her, dass der ICE „Wilhelm Conrad Röntgen“ bei Eschede entgleist und gegen eine Brücke rast. Die Öffentlichkeit legte das Unglück nach dem Strafprozess 2003 zu den Akten. Zum zehnten Jahrestag steht der niedersächsische Ort nun wieder im Rampenlicht – genau wie die Schicksalsgemeinschaft aus Hinterbliebenen, Überlebenden und Helfern.

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02. Juni 2008, 06:48 Uhr

Eschede/Eichenzell/Berlin - Angestrengt blickt Udo Bauch aus dem Fenster, die Lüneburger Heide rauscht mit knapp 200 Stundenkilometern an ihm vorbei. Der Familienvater aus dem hessischen Eichenzell sitzt an einem sonnigen Tag im Intercity Express 886 nach Hamburg, Abfahrt in Fulda um 9.04 Uhr. Es ist kurz vor 11.00 Uhr, der Zug irgendwo zwischen Hannover und Hamburg-Harburg.

Bauch wirkt verspannt. Am 3. Juni 1998 war er zur selben Zeit auf dieser Strecke unterwegs – damals mit dem ICE 884 „Wilhelm Conrad Röntgen“. Die Fahrt endete an einer Betonbrücke bei Eschede. 101 Menschen starben, Bauch überlebte.

Der ICE ruckelt ein bisschen nach links und rechts – vermutlich wegen einer Unebenheit. Seit der Katastrophe durchlebt der 40-Jährige in solchen Momenten immer wieder die Panik von damals. „Ansonsten habe ich keine Probleme mit dem Zugfahren“, erläutert Bauch. Er sei ein „rational denkender Mensch“ und wisse, dass das Verkehrsmittel Bahn viel sicherer als das Auto ist.

Am 3. Juni 1998 wurde Bauch mit etlichen Knochenbrüchen, einer Hirnblutung und schweren Riss- und Quetschwunden in die Medizinische Hochschule Hannover gebracht. Er lag tagelang im künstlichen Koma, sein Leben hing am seidenen Faden.

Der Zug rauscht unter einer Brücke durch, in Fahrtrichtung links blitzt für zwei, drei Sekunden eine mannshohe mausgraue Steinplatte auf, davor mehrere Steinquader und ein Feld aus zig Kirschbäumen: die Gedenkstätte für die Opfer der Katastrophe von Eschede. Der ICE, einst als Meisterwerk deutscher Ingenieurskunst gefeiert, zerschellte an dieser Stelle – und mit ihm die Illusion des gefahrlosen Reisens in Hochgeschwindigkeitszügen. Ein „sehr komisches Gefühl“ habe er an dieser Stelle in der Magengegend, erzählt Bauch. Ansonsten bleibt er erstaunlich gelassen.

Durch den Unfall ist der 40-Jährige für sein Leben gezeichnet. Bauch hinkt, er geht fast immer am Stock. Aber er hat sich seinen Willen und seine Freude am Leben nicht nehmen lassen von dieser Tragödie – dem folgenschwersten Bahnunglück Europas. „Ich war immer sehr aktiv, ich stand immer unter Strom“, erzählt er. Gerade einmal fünf Monate nach dem Horror-Crash steigt Bauch wieder in einen ICE, fährt die Unglücksstrecke von Fulda nach Hamburg. Allen Schmerzen zum Trotz versucht er wieder in seinem Job als Manager Tritt zu fassen. Kurze Zeit später gibt er auf. Er schafft es nicht.

Der überlebten Katastrophe von Eschede folgt eine schier unendliche Odyssee. Weil Bauch auf Geschäftsreise war, steht ihm eine Berufsunfähigkeitsrente zu. Doch die Versicherung erkennt nur eine 80-prozentige Behinderung an, die Gutachten weisen jedoch 90 Prozent aus. Die Bahn will zuerst die Hotelkosten für seine Familie nicht übernehmen – tagelang wachten Frau und Kinder während Bauchs künstlichem Koma an seinem Bett im Hannoverschen Krankenhaus. „Erst als wir öffentlich Druck gemacht haben, kam das Geld“, sagt er und klingt dabei auch Jahre später noch wütend.

Es ist 11.59 Uhr, der ICE rollt mit fünf Minuten Verspätung in den Hamburger Hauptbahnhof. Die Türen öffnen sich mit einem lauten Zischen, warme Luft von draußen strömt in den Zug, Bauch steigt aus. Der 40-Jährige wirkt irgendwie erleichtert. „Es wäre übertrieben zu sagen, dass ich gerne Zug fahre“, sagt er. Doch er habe sich von Anfang an seiner Angst stellen wollen; die von der Bahn vermittelten Psychologen hätten ihm dabei nicht helfen können. „Bei mir war eine junge Frau, die war total überfordert mit alledem und hat die ganze Zeit selbst nur geweint“, erinnert er sich.

„Eine Entschuldigung, das wäre mal ein Anfang“
Mehr als die ICE-Fahrt bewegt Bauch der Besuch der Gedenkstätte. Hier, wo der junge, aktive Familienvater jäh aus seinem bisherigen Leben und von der Karriereleiter gerissen wurde, wird er still und nachdenklich. Bedächtig wandelt Bauch den geschotterten Weg durch die 101 Kirschbäume – jeder steht für einen Toten. Als er vor der Gedenkmauer mit den Namen der Todesopfer steht, schüttelt er nur den Kopf. „Da könnte mein Name stehen“, sagt er leise, seine Stimme bricht, er setzt sich auf den Steinquader vor der Tafel. In diesem Moment rauscht in 20 Meter Entfernung ein ICE gen Hamburg vorbei.

„Mich ärgert das“, sagt Bauch. Die Gedenkstätte sei ihm „zu steril“ geraten und „zu wenig christlich“. Nun hört man sie wieder, diese ganze Wut in seiner Stimme, all den Ärger der vergangenen Jahre. Und die Trauer. Was er sich zum zehnten Jahrestag des Unglücks von der Deutschen Bahn wünscht? „Eine Entschuldigung“, sagt er kurz – und kämpft sich hinkend die lange Treppe vom Kirschbaumfeld zum steinernen Tor der Gedenkstätte empor. „Eine Entschuldigung, das wäre mal ein Anfang.“

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