Das Sterben abgewendet

Wie würde Perlebergs Altstadt aussehen, wenn die Wende nicht gekommen wäre? 360 Dias aus den Jahren 1987-89 zeigen eine sterbende Bausubstanz.

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03. März 2008, 06:40 Uhr

Perleberg - Marodes Mauerwerk, verrottete Traufgesimse, fehlende oder kaputte Dachrinnen beziehungsweise Fallrohre, defekte Dächer oder verfallene Uferbefestigungen der Stepenitz, Müllhaufen – trostlos, alles grau in grau, dieses Altstadtbild vor 20 Jahren haben viele Perleberger und Besucher wohl kaum noch vor Augen, wenn sie durch die Straßen und Gassen gehen.

Und doch sah es so aus. Hans-Joachim Schröder, Architekt und gebürtiger Perleberger, der mit der Pensionierung in seine Heimatstadt zurückkehrte, nutzte die Gelegenheit, um zum Tag der Archive an den drohenden Verfall der Altstadt zu erinnern (der „Prignitzer“ berichtete kurz). Die meisten Aufnahmen stammen von Harald Blumeier. Insgesamt umfasst der Fundus 500 Aufnahmen. „Mein Cousin wollte als interessierter Perleberger mit dem Fotoapparat Dinge festhalten, die es in absehbarer Zeit nicht mehr geben würde“, erklärte Hans-Joachim Schröder die Hintergründe des umfangreichen Diamaterials.

Beide Vorträge, am Vor- und Nachmittag, waren gut besucht, und die jeweils 70 bis 80 Minuten wurden keinem Besucher langweilig. „Schlimm!“, „Oh Gott, oh Gott!“, „Man war damals wohl schon betriebsblind, hat vieles hingenommen und diesen Verfall nicht mehr kritisch gesehen“, waren einige der Anmerkungen der doch sichtlich bewegten Besucher.
Erreichtes kann sich sehen lassen

„Das Übel an allen Häusern waren die fehlenden oder kaputten Dachrinnen, so dass die Feuchtigkeit ungehindert in das Mauerwerk eindringen konnte“, meinte Schröder. Zahlreiche Gebäude, ob am Kirchplatz, in der Uferstraße/Ecke Wollweberstraße oder am St. Nikolai-Kirchplatz sind verloren und rissen schmerzhafte Lücken in die bebaute Altstadtstruktur.
Vermutlich werden noch weitere Häuser verschwinden, an denen auch nach 1990 nichts zum Erhalt getan wurde. Ursachen sind Eigentumsfragen, eine ungeklärte Nutzung sowie fehlende Gelder für eine Instandsetzung.
Doch sollten diese Beispiele nicht das Erreichte verwischen. Auch wenn noch viel zu tun bleibt: Unübersehbar sind die vielen neue Fassaden, Fenster, Türen, Dächer, liebevoll und aufwändig sanierte Fachwerkbauten. Einen kleinen Vorher-Nachher-Vergleich brachte vor zwei Jahren eine Foto-Ausstellung von 16 Objekten im Rathaus deutlich, die anlässlich der Kulturlandkampagne 2006 „Baukultur“ erstellt worden war.

Ohne die Aufnahme der Rolandstadt in das Programm „Städtebauförderung“ wäre der heute erreichte Sanierungsstand allerdings nicht möglich. „Seit 1991 förderten Bund und Land 129 private Baumaßnahmen, 15 kommunale Vorhaben, 48 kleinteilige Maßnahmen sowie 14 Straßenbauvorhaben“, blickt Hans-Christian Sauer, Niederlassungsleiter der BIG-Städtebau, zurück.

Ende März Baubeginn für Mönchort
Die Gesellschaft ist Dienstleister Perlebergs in der Altstadtsanierung. In enger Zusammenarbeit mit der Stadt hat sie großen Anteil daran, dass bisher knapp 26 Millionen Fördermittel – kommunale und private Gelder – die Altstadt wieder zum Erblühen bringen.

„Im Bau beziehungsweise in Vorbereitung sind gegenwärtig fünf private Vorhaben. Ende März beginnt die Erneuerung von Mönchort und Schulgang. Beginnen werden wir 2008 voraussichtlich auch den 1. Bauabschnitt Mauerstraße von der Uferstraße bis zum Rosenhof. In Planung geht die Wollweberstraße“, schaut Sauer nach vorn.

Übrigens – den Tag des offenen Archivs nutzten knapp 90 Besucher, um in das Kellergeschoss der Karl-Liebknecht-Straße zu kommen. „Einige wussten gar nicht, dass sich hier das Stadtarchiv befindet und es auch für die Öffentlichkeit zugänglich ist“, erzählte Archivarin Sylvia Pieper.
Sie freute sich natürlich über die rege Resonanz und das Interesse unter anderem an den vor ihr vorbereiteten Ausstellungen Weinberg, Perleberger Quempas und Heldendenkmale.

Die Besucher interessierten sich ebenfalls für Familienforschung, schauten in historische Adressbücher und in das alte Einwohnerverzeichnis.
Der Video-Raum war ebenso gut besucht. Die Interessierten wollten noch einmal die 750-Jahrfeier Perlebergs von 1989 oder Aufzeichnungen von Nachwende-Festivitäten Revue passieren lassen.

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