Das Spiel mit der Sucht

Bützowerin Martina M. sitzt fast täglich vor dem Automaten und verspielt bis zu 20 Euro täglich. In Deutschland leiden Tausende Menschen an Glücksspielsucht, sagen Experten. Die Spieler vernachlässigen Freunde und Familie und geraten in Geldnot. Hilfe verspricht eine Therapie.

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10. November 2008, 07:19 Uhr

Martina M. sitzt an einem Spielautomaten in Bützow. Immer und immer wieder steckt sie Geld in den schmalen Spalt des bunt leuchtenden Automaten an der Wand. Mindestens 20 Euro gebe sie an einem Abend fürs Glücksspiel aus. „Die Gewinne sind immer unterschiedlich. An einem Abend gewinne ich nichts, dafür aber am nächsten Tag wieder“, erzählt Martina M. und drückt auf die Knöpfe. Oftmals sucht sie ihr ganzes Geld zusammen, um spielen zu können. Martina M.
versuche möglichst, ihren Einsatz wieder herauszuspielen. Doch den Großteil ihres Gewinnes steckt sie danach wieder in den Automaten. Sie sei „finanziell abgesichert“, arbeitet als Bürokauffrau. Monatlich legt sie einen Teil ihres Gehalts für das Spielen beiseite. „Mein Hartgeld gebe ich oftmals absichtlich nicht aus, damit ich Geld zum Spielen habe“, sagt Martina M.
Jeden Tag freue sie sich darauf, am Nachmittag oder am Abend in die Spielhalle zu gehen. „Ich spiele aber nur, wenn mein körperliches Wohlbefinden stimmt. Wenn ich einen schlechten Tag habe, dann verliere ich meist auch“, sagt sie.
Gefährlicher Zeitvertreib
Für Martina M. ist das Spielen ein Zeitvertreib. Es mache ihr Spaß und sie hofft, irgendwann das große Geld aus dem Automaten zu holen. Aber das wird kaum der Fall sein.
Auf Dauer gewinnen die Automaten immer“, sagt Dr. Bernd Sobottka, leitender Psychologe in der AHG Klinik Schweriner See. Nicht das Drücken auf den Tasten führe zu den Geldeinnahmen. Die Gewinnchancen sind in den Automaten einprogrammiert. Spieler hätten darauf keinen Einfluss. Trotzdem: Martina M. ist nicht spielsüchtig in einem besonderen Schweregrad. „Spielsucht kennzeichnet sich dadurch, dass das Spiel am Automaten einen derartigen Stellenwert einnimmt, dass andere soziale Aktivitäten in den Hintergrund rücken“, sagt Bernd Sobottka. Das Spielen dominiere das übrige Leben. Geld, das für andere Dinge benötigt wird, wird in die Spielautomaten investiert. Die Süchtigen haben keine Zeit für ihren Partner, Freunde oder Familie mehr. Die Spieler geraten in Geldnöte, verschulden sich, oder verlieren ihre Arbeit, weil sie zu der Zeit spielen müssen.
„Zwei bis drei Stunden am Tag spielen ist kein Kriterium für die Erkrankung, andere Menschen sehen zwei bis drei Stunden am Tag fern und sind auch nicht süchtig“, sagt Bernd Sobottka. In der AHG Klinik Schweriner See werden derzeit etwa 100 Glücksspiel süchtige Patienten stationär behandelt.

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