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21. September 2017 | 10:48 Uhr

"Das Publikum ist unser Spiegel"

vom

svz.de von
erstellt am 24.Jun.2010 | 07:05 Uhr

Ein Tag wie ein Omen. Nach allen Moll-Akkorden im Frühling ein Sonnen-Dur auf dem Kantinenbalkon des Theaters. Nebenan lauert unterm klaren Himmel die Bühne auf Verdis "Macht des Schicksals". Frohe Stimmung lächelt hier aus italienischen und spanischen Augen. Die Sopranistin Capucine Chiaudani aus Genua, die Leonora, und der Tenor Eduardo Aladrén aus Zaragoza, der Don Alvaro, sitzen, noch wärmend verhüllt, Wasser im Glas.

Zwei international geprüfte Solisten für "La forza del destino". Sie begann ihre musikalische Laufbahn mit einem Violin-Studium, wechselte in Bologna zum Gesang, debütierte in Mailand, sang am Opernhaus Zürich zusammen mit José Carreras, gastierte in Amsterdam. Er studierte in Madrid und in den USA, wurde Resident Singer der Palm Beach Oper, wo er von "Aida" bis "Zauberflöte" Hauptpartien sang, war Konzertsolist in Mexiko City und Florida.

Nun werden beide ihre Stimmen vereinen zu dem Duett "Ah, per sempre, o mio bell angiol", mit dem Leonora und ihr Geliebter Alvaro vor der Flucht aus dem Elternhaus der jungen Frau stehen - "Ach, auf ewig nun, mein Engel". Die Sopranistin sieht die Partie der Leonora als "große Herausforderung, aber sie passt jetzt genau in mein Leben als Sängerin, denn man muss immer versuchen, die eigenen Grenzen zu erweitern".

Der Tenor lobt die "wunderschönen Melodien" des Alvaro, die Partie ist "sehr gut komponiert, sehr dramatisch". Sympathisch, wie undramatisch beide erzählen. Keine Spur von Bühne.

Was ist die Botschaft dieser Oper? Capucine Chiaudani spricht zögernd: "Dass wir von einer mächtigeren Kraft abhängen. Man kann viel kämpfen, schaffen, etwas ist stärker als unser Wille, nicht immer läuft es, wie wir es uns wünschen, es greift das Schicksal ein. Oder auch Glück." Bilden nicht die erstarrten Sitten der Herrenkaste im 18. Jahrhundert in Spanien das Schicksal? "Auch so kann man das sehen, sogar aktuell bezogen auf die bürgerliche Familie", überlegt sie. Das Libretto der Oper gilt oft als sehr konstruiert. Eduardo Aladrén widerspricht: "Die Story ist generell simpel, ein exotischer Fremdling trifft auf spanische Nobelklasse und löst mit seiner Liebe zur Tochter den Konflikt aus." Die Solisten aber denken: "Verdis Musik erzählt alles, was geschieht."

Lächelnd sieht es die Italienerin auch als gütige Macht, dass sie für die Schlossfestspiele engagiert wurde: "Beim Vorsingen war vor mir eine tolle Sängerin, da dachte ich, du kannst nach Hause gehen. Doch ich hatte eine halbe Stunde danach schon die Bestätigung." Noch jetzt schwingt die freudige Überraschung in ihrer Stimme. Der Spanier überzeugte ebenfalls sofort, wusste schnell, dass er der Inka-Abkömmling Alvaro sein würde. Es ist zu spüren, dass seine Temperatur der Figur nützen wird.

Seit Salieri schwelt der Opern-Streit "Prima la musica, poi le parole." Kommt wirklich zuerst die Musik, dann das Wort oder umgekehrt? "Das Beste", dafür hält die Sängerin, "ist eine gute Ehe zwischen beiden, und Verdi hat sie gestiftet, da verstehen sich auch Tempi und Text." Im Gleichklang der Tenor: "Die Worte sind wichtig, man muss verstehen, was die Sänger singen, aber beide Elemente müssen harmonieren."

Haben es Sänger aus dem Süden leichter mit Verdi? Da sprüht die Italienerin: "Ja, Italienisch ist die beste Sprache für den Gesang, sie hat das Licht der Vokale, und dabei geht es nicht nur um das Was, sondern auch um das Wie bei der Artikulation." Der Spanier ergänzt: "Ja, die Motivation ist leichter, aber ein Profi muss sich mehrsprachig ausdrücken können, ich singe französisch, deutsch, englisch, spanisch, italienisch."

Aber ja, Belcanto und Legato, der schöne Gesang bindet die Deutschen an Verdi, sogar wenn die Geschichte traurig ist. Open air hat die Oper aber noch andere Bedingungen. "Man muss mehr Antennen haben, irgendwie um 360 Grad denken, sehen, reagieren", weiß Chiaudani. Hat der Spielort Einfluss auf die Stimmung der Sänger? Aladrén schwärmt: "Diese Bühne hier ist super schön. Und, wie immer das Wetter sein mag, wenn 2000 Leute dabei sind an solch imposantem Platz, ist das großartig." Das Publikum übrigens kann Sängern helfen: "Es ist unser Spiegel, es spornt an, wenn es auf unserer Seite ist, sogar bei Regen fantàstico", sagt Chiaudani.

Hoffentlich gibt es Aufführungen unter Sternen. Halten beide etwas von Sternzeichen? Krebs Capucine hält nichts davon, lieber etwas von "starkem Willen". Der Löwe Eduardo gibt zu "ein kleines bisschen, nicht so viel".

Von Animositäten zwischen Opernsolisten ist gelegentlich zu hören, Oper im Freien hat Hauptpartien mehrfach besetzt, wie hart ist die Konkurrenz in Schwerin? Ihr "Überhaupt nicht" zieht die Sopranistin fröhlich über drei Takte: "Im Gegenteil, es ist eine tolle Truppe." Beide bestätigen im Duett, und das klingt herzlich: "Wir sind oft zusammen, erleben die Arbeit mit viel Freude und helfen uns gegenseitig. Damit jeder sein Bestes geben kann."

Gibt es einen Ritus, um sich vor dem Auftritt zu konzentrieren? "Positive Gedanken, in der Rolle atmen", das leitet Chiaudani. Aladrén schläft zwei Stunden vor der Vorstellung, nimmt "alles leicht", ist zehn Minuten vor Beginn etwas nervös und ist kühl mit dem ersten Schritt auf der Bühne.

Was fühlt man, wenn die Scheinwerfer erloschen sind? Sie sind sich einig: "Man fühlt sich voll und leer gleichzeitig, ist hoch gestimmt, es geschafft zu haben, und fällt in ein tiefes Loch." Soprano und Tenore mit einem tiefen Atemzug und Einverständnis im Blick.

In ihrer freien Zeit entdeckt die Italienerin "die schönen Parks" in Schwerin und übt natürlich. Der Spanier singt im August Don José in "Carmen", studiert ihn also, oder fährt mit dem Rad.

Was interessiert die Solisten außerhalb der Oper? "Menschen", bekennt Chiaudani, "durch diesen Beruf bin ich privilegiert, viele Mentalitäten zu erleben in der Welt, und davon möchte ich etwas lernen". Aladrén liebt Treffen mit Freunden, Aktivitäten wie Radfahren. Setzt hinzu: "Manche glauben ja, wir trinken häufig, nein; wenn ich Vorstellung habe, gehe ich die Tage zuvor in keine Bar." Die Lieblingsspeise? "Ich habe früh gelernt, alles zu essen, aber naturgemäß: Pasta-Gerichte", lautet die Antwort im Italo-Sound, und fit hält sich die Sopranistin mit Schwimmen, "ist gut für die Lunge". Der Mann aus dem Land der Paella überrascht: "Ich liebe auch Schnitzel, sehr." Was durch Laufen egalisiert wird.

Wo fühlen sich reisende Sänger zu Hause? "Wo mein Herz ist", sagt Chiaudani "animato", "und das ist bei meiner Familie." Die Familie in Zaragoza nennt auch Aladrén sowie Madrid und Barcelona. Sie singen, während um den Fußballweltmeister gespielt wird. Wer wird es? "España", schießt der Aragónier vor, die Genuesin schaut schräg, er fügt rasch an: "Italia Seconda." Und nach dem Gelächter - "Germany third" - drängt es den Spanier zum Epilog fürs Publikum:

"Es ist ein großes Ereignis, diese Oper, eine der schönsten, im Freien zu sehen, mit so großem Einsatz vieler Mitwirkender. Das ist selten." Die Italienerin sekundiert con fuoco: "Das ist voller Dramatik. Bitte, kommt, kommt!"

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