Das letzte Klingeln in Kritzkow

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08. Juli 2010, 10:20 Uhr

Güstrow | Heute, 11.10 Uhr, passiert es zum letzten Mal: In der Schule von Kritzkow (Landkreis Güstrow) ertönt die Klingel. Sie läutet die Sommerferien für 52 Mädchen und Jungen ein und setzt den Schlussakkord unter die Schulgeschichte im Sprengel. 468 Jahre seien es gewesen, behaupten die Chronisten von Kritzkow. Im Jahr 1552 wurde erstmals eine einjährige Küsterschule urkundlich erwähnt, so hieß es 458 Jahre später beim Abgesang auf die Fritz-Reuter-Schule. Sie ist eine von sechs Schulen in Mecklenburg-Vorpommern, die mit dem zu Ende gehenden Schuljahr "aufgehoben" wird.

Die Zeit, da sich Eltern und Kommunalpolitiker in Kritzkow gegen den Fakt sinkender Schülerzahlen stemmten und für ihre Schule stritten, ist vorbei. Vorbei das Dorffest mit Altschülertreffen und Träne im Knopfloch, die letzte Gelegenheit zum Besuch der Schule und zum Tanz in der Aula. Wut und Widerstand sind der Einsicht in die Notwendigkeit gewichen und einer großen Traurigkeit. Mit der Schule verliert der Ort sein Zentrum, sagt Mirko Mank, Junior im Familienbetrieb Gerüstbau Mank. Von der 1. bis zur 10. Klasse war er auf der "Reuter", genau wie seine Schwester Kathrin Mawick. Im Januar 1968 wurde der Schulneubau bezogen, später kamen Schulküche und Turnhalle dazu.

Keine Schönheit, aber trotzdem schön

Zwar hätte das Ensemble von winklig-verschachtelten Flachbauten zum Schönheitspreis nicht getaugt, doch bot es viel praktischen Komfort für den Schulbetrieb: einen weitläufigen Schulhof unter alten Bäumen, einen Schulgarten, viel Platz für Parkplätze und Schulbusse, das familiäre Klima der kleinen Landschule und einen Festsaal mit Bühne. "Ideal für unsere Einschulungsfeiern", sagt Schulleiterin Antje Jänsch. Der Abschied ihrer 4. Klasse war gestern Nachmittag der letzte Akt auf der Bühne - ein Theaterstück für die Eltern, feierliche Zeugnisübergabe, danach eine Gespensternacht mit Übernachtung im Schulhaus.

Gespenstisch genug sieht es hier aus in den letzten Stunden. In der Leere macht sich Trostlosigkeit breit. Reste einer früheren Schulbibliothek warten auf barmherzige Abnehmer. In einem Vorbereitungsraum stapelt sich, was der Hausmeister entsorgen soll. Goldstaub vergangener Tage dabei, die berühmten Polyluxe (Overheadprojektoren), Schachbretter, ausgediente Spiele. Hinter einer verschlossenen Stahltür liegen die Räume der Haupt- und Realschule, die mit den Schuljahr 2004 ausgelaufen war.

Seit vier Jahren ein Ortsteil von Laage

Es war ein Sterben auf Raten, sagt Kathrin Mawick, die lange für ihre Schule gekämpft hatte. "Politik" Sie wirft das Wort mit der Hand über die Schulter. "Alles läuft irgendwie auseinander." Vielleicht fühlt es sich ja so an, im Speckgürtel zu leben? Am Rande, wo sich immer weniger bewegt, während anderswo das Leben pulsiert? Früher war Kritzkow ein Dorf mit Bäckerei, Konsum und Schule, heute ist Kritzkow ein Gewerbegebiet mit Ortsteil. 2006 wurde das Dorf Laage zugeschlagen.

Dort, zehn Kilometer entfernt, auf dem neuen Schulcampus geht es weiter für die verbleibenden Reuter-Schüler der Klassen 2 und 3. Schon im vergangenen Schuljahr war eine 1. Klasse an der Mindestzahl von 20 Kindern gescheitert. Der jüngste von Kathrin Mawicks drei Söhnen zieht mit um. Noch sitzt er in Klasse 3 bei Ursula Trepesch und wiederholt mit seinen Mitschülern Multiplikationsaufgaben - so normal wie möglich sollte das Schuljahr enden, lautete der Anspruch des kleinen Lehrerkollegiums. Sein Arm schnellt mit nach oben auf die Frage, wer sich auf die neue Schule freut. Nur Hans und Lara freuen sich nicht. Er fürchtet sich ein wenig vor den vielen Kindern in Laage. "Da muss man auf seine Schulsachen besser aufpassen." Sie kommt aus Kritzkow und bisher zu Fuß zu Schule, künftig muss sie den Schulbus nehmen, wie die meisten anderen aus der Klasse schon immer.

Ein Stück weniger vom "Wir"

"Der Wechsel wurde so gut wie möglich gestaltet", sagt Schulleiterin Antje Jänsch, die sich schon auf ihre nächste 1. Klasse an der Grundschule Teterow freut. Ihre beiden Kolleginnen gehen gemeinsam mit den Klassen nach Laage. "Kinder können sich schnell wieder wohlfühlen", sagt Kathrin Mawick. Doch im Dorf bleibt ein Loch zurück, ein Stück weniger von dem "Wir", das sich mit "unserer Schule" verbunden hat. Und eine letzte Hochburg von Kindern in Kritzkow, die Kindertagesstätte "Hummelhaus", der die Schulkinder hinterm Zaun fehlen werden und die Theaterstücke in der Aula.


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