Anti-Gewalt-Woche vom 22. bis 26. November im Landkreis Güstrow : Das Leiden hat viele Facetten

Foto: Bernd Weißbrod, dpa
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In diesem Jahr haben bislang 33 Frauen mit 36 Kindern im Frauenhaus Güstrow Unterschlupf gefunden. Häusliche Gewalt - in welcher Forma auch immer - lässt den Opfern oft keinen anderen Ausweg als Flucht.

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19. November 2010, 07:45 Uhr

güstrow | Die Zahlen sprechen für sich: In diesem Jahr haben bislang 33 Frauen mit 36 Kindern im Frauenhaus Güstrow Unterschlupf gefunden. Häusliche Gewalt - in Form von Schlägen oder Vergewaltigung, aber auch psychische Demütigung und Unterdrückung - lässt den Opfern oft keinen anderen Ausweg als Flucht. "Es ist einerseits traurig, dass es eine Anti-Gewalt-Woche geben muss. Andererseits ist es aber gut, dass die Thematik publik gemacht wird", sagt Siegrun Schippmann, Sozialarbeiterin im Güstrower Frauenhaus.

Sie tippt auf die interne Statistik. In den vergangenen drei Jahren sind die Aufnahmen im Frauenhaus relativ konstant geblieben. Allerdings habe sich die "Art des Zugangs" verändert. Das heißt: Vor einigen Jahren wurden die Frauen meist nach einem Polizeieinsatz von den zuständigen Beamten gebracht, wie Schippmann erklärt. Heute würden die Frauen zunehmend selbst den Weg ins Frauenhaus antreten. Und es hat sich noch etwas verändert - die Zahl der ambulanten Beratungen hat zugenommen. Waren es 2008 noch 436 Gespräche am Telefon, waren es in diesem Jahr schon 551. "Und es werden bis Jahresende noch mehr werden", ist sich die Sozialarbeiterin sicher. Im Frauenhaus finden die Opfer häuslicher Gewalt einen Ort, an dem sie Schutz und Ruhe finden. Incognito. Damit die Täter keine Chance haben, sie ausfindig zu machen. Sogar das Bundesland musste ein Opfer wechseln, das noch bis vor Kurzem mit vier Kindern dort wohnte. Sexuell missbraucht und geschlagen - wie oft schon, bleibt meist geheim. "Wenn Frauen hier anklopfen, sind sie meist schon längst in der Gewaltspirale drin." Eine Woche können die Frauen erst mal dort bleiben. "Hier müssen sie dann nicht mehr die Starke spielen", so Schippmann. Die meisten, die hier an die Tür klopfen, seien "total am Ende". Nicht selten ereile sie dann der totale Zusammenbruch. Aber danach gehe es in der Regel wieder aufwärts - die nötige Hilfestellung geben die Mitarbeiterinnen des Frauenhauses. Wie das Leben dann weitergehe, müssten die Opfer aber selbst entscheiden. Ob Trennung, Umzug, ein neuer Anfang oder womöglich die Rückkehr in das alte Umfeld, zu dem Mann, den sie womöglich immer noch lieben. "Das hängt immer von der Stärke der Frauen ab", sagt Schippmann. "Wir können sie nur darin bestärken, dass sie das nicht ertragen müssen." Hilfe zur Selbsthilfe eben. Aber oft sei das Gespräch mit dem Partner schon ein erster Schritt: "Nicht den Mund halten. Sagen, was Phase ist."

Aber Pauschalisieren könne man ohnehin nicht: "Bei 35 Fällen gibt es 35 unterschiedliche Lösungen." Eines sei allerdings bei allen gleich: "Die Kinder sind immer mitbetroffen", betont Schippmann. Eine große Last haben die Kleinen dann zu tragen. Viele übernehmen dann eine große Verantwortung für ihre Geschwister - gehen zur Tafel, erfinden Lügengeschichten gegenüber Lehrern, Nachbarn, Freunden. Bei starken Traumata bleibt dann auch nur der Weg zum Psychologen - nicht nur für die Frauen, auch für deren Sprösslinge.

Die Frauen sind selbstbewusster geworden

Bei häuslicher Gewalt denke man in erster Linie an Schläge oder Vergewaltigung. Weit gefehlt. Oft sind es die psychischen Schmerzen, mit denen die Opfer nicht mehr fertig werden - Unterdrückung, Demütigung. "In vielen Fällen verbieten ihnen die Männer den Umgang mit Freunden oder soziale Kontakte", erklärt Schippmann. Von "ökonomischer Gewalt" ist die Rede, wenn die Frauen kein eigenes Konto besitzen. Nicht selten bringe der Mann dann sogar das Kindergeld um die Ecke. Der Frau sind damit finanziell die Hände gebunden. Und der Nachwuch leidet immer mit. "Kinder haben ganz feine Antennen", sagt Schippmann. "Mamas Schwermut und Angst bleibt vor ihnen nicht verborgen."

Immerhin seien die Frauen selbstbewusster geworden. Nur mehr an die zehn Prozent würden es nicht schaffen, ein neues Leben in Angriff zu nehmen. Das liege aber auch daran, dass das Thema häusliche Gewalt in der Öffentlichkeit zunehmend thematisiert werde, ist sich Schippmann sicher. Deswegen findet sie es gut, dass die Anti-Gewalt-Fahne ab Montag wieder an fünf Orten im Landkreis wehen wird.

Veranstaltungen in Güstrow

  • 24. November, 17 Uhr: Fackel- und Lampionumzug, Treffpunkt vor dem Kreishaus, Am Wall 3 . Die Trommelgruppe „Schlag artig“ und die Jugendfeuerwehr begleitet den Zug.

  • 25. November, 19 Uhr: Lesung in der Uwe Johnson-Bibliothek aus dem Buch „Kein Wort zu Mami – die wahre Geschichte einer zerstörten Kindheit“; unterstützende Beratung durch eine Polizeipsychologin

  • 26. November, 9 Uhr: „Gewalt an Seniorinnen und Senioren“ – ein Tabu brechen, im Kreishaus, Raum 3111 (Am Wall 3)

  • 26. November, 17 Uhr: Andacht für die Opfer häuslicher Gewalt in der Winterkirche des Domes

  • 9. Dezember, 15 Uhr: Schlussveranstaltung, Benefizkonzert des Landespolizeiorchesters unter Leitung von Christof Koert im Festsaal der Verwaltungsfachhochschule
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