"Das ist Augenwischerei"

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Mit einem umfassenden Konjunkturpaket will Berlin die Wirtschaftskrise abfedern. Auch die kleinen und mittelständischen Handwerksbetriebe sollen davon profitieren. Ein "Handwerkerbonus" soll mehr Aufträge bringen und verbesserte Abschreibebedingungen sollen Investitionen ankurbeln. Doch die Handwerker sind skeptisch - wir haben exemplarisch im Landkreis Güstrow nachgefragt.

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16. Dezember 2008, 01:19 Uhr

Güstrow | "Die Leute kann man doch an einer Hand abzählen, die aufgrund des Handwerkerbonus zu uns kommen", sagt Jan Thielk aus Penzin. Der Obermeister der Innung des holz- und kunststoffverarbeitenden Handwerks in der Kreishandwerkerschaft Güstrow nennt das Konjunkturprogramm für das Handwerk "Augenwischerei". "Es hat doch keiner mehr Geld übrig, sein Haus zu renovieren, vor allem in unserer Region." Doch gerade das will der Handwerkerbonus. Wer Haus oder Wohnung renoviert, kann ab Januar 2009 bis zu 1200 Euro von der Steuer absetzen, nämlich 20 Prozent von Rechnungen über 6000 Euro. Bisher liegt die Obergrenze bei 3000 Euro. Die Verdoppelung soll dem Handwerk mehr Aufträge bescheren.

Kaum Geld für Investitionen im HandwerkDurch verbesserte Abschreibebedingungen sollen zudem Investitionen belohnt werden. Unternehmen, die neue Maschinen, Werkzeuge oder Computer anschaffen, können diese "beweglichen Wirtschaftsgüter" ab Januar besser abschreiben. Befristet auf zwei Jahre gilt eine so genannte degressive Abschreibung von maximal 25 Prozent. Als Ergebnis wird beabsichtigt, dass vor allem im ersten Jahr der Anschaffung das Betriebsergebnis deutlich geringer besteuert wird. Doch auch davon hält Tischlermeister Thielk nichts: "Ich habe kein Geld für Investitionen. Das bringt dem Handwerk gar nichts. Die großen Banken mit ihrer Misswirtschaft kriegen Milliarden und uns kleinen Handwerkern schmeißt man etwas vor, um uns zu beruhigen", so Thielk.

Auch Martin Biemann, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Güstrow, glaubt nicht, dass durch die neuen Abschreibebedingungen mehr investiert wird. "Dazu braucht man entsprechende Rücklagen und die sind bei unseren Handwerkern extrem dünn", sagt er. Den Handwerkerbonus sieht er allerdings wesentlich positiver als sein Obermeister Thielk. "Viele Konsumenten werden darüber nachdenken, diesen Vorteil mitzunehmen. Der Bonus zieht aber eher bei haushaltsnahen Dienstleistungen, wie Malern und Tapezieren. Er ist kein Ansporn, sein Dach neu einzudecken oder sich eine neue Heizung einbauen zu lassen", ist Biemann überzeugt. Das glaubt auch Ralf Seemann, Obermeister der Maler- und Lackiererinnung Güstrow. "Der Bonus ist für die Kunden gedacht. Ich erwarte vor allem aus dem Privatkundenbereich mehr Aufträge." Doch der Handwerkerbonus hat nach Biemann noch einen anderen Vorteil: "Den Steuerbonus gibt es für die Arbeitsleistung, nicht für den Materialeinsatz. Deshalb sind detaillierte Rechnung notwendig. Damit ist auch beabsichtigt, die Schwarzarbeit einzudämmen. Ein Vorschlag, den der Zweckverband des Deutschen Handwerks schon vor Jahren gemacht hat", sagt er.

Nur ein erster, aber wichtiger SchrittAuch Franz-Josef Schumacher, Obermeister der Sanitär- und Heizungstechnikinnung Güstrow, sieht die Maßnahmen zur Belebung der Konjunktur als ersten, wichtigen Schritt. "Nichts zu machen, wäre ein Rückschritt", sagt er. "Wenn der Kunde jetzt mitmacht, bringt es uns auch Arbeit." Aber es müsste noch mehr passieren, glaubt er. "Nicht so viel Fördergelder in Großprojekte stecken, sondern bei den kleinen Handwerkern sinnvoll einsetzen. Dann wären wir schon ein Stück weiter. Das müssen die da oben begreifen", so Obermeister Schumacher aus Raden.

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