Das Entsetzen bleibt

Das juristische Urteil im Fall Lea-Sophie ist gefällt. Wegen „Mordes aus niederen Beweggründen“ hat die Große Strafkammer des Landgerichts Schwerin die Eltern des im November 2007 verhungerten Mädchens zu jeweils elf Jahren und neun Monaten Haft verurteilt. Doch auch nach dem juristischen Urteilsspruch bleibt das menschliche Entsetzen darüber, dass in einem tragischen Geflecht von Schicksal und Verantwortung ein kleines Kind vor den Augen seiner tatenlosen Eltern einen qualvollen Tod sterben musste.

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17. Juli 2008, 07:56 Uhr

Schwerin - „Das war kein Mord“, flüsterte der Großvater von Lea-Sophie nach der Urteilsverkündung und rannte fast aus dem Saal 1 des Schweriner Landgerichts. Kurz zuvor hatte er unter dem Blitzlichtgewitter der Pressefotografen noch einmal seine tränenüberströmte Adoptivtochter in die Arme genommen. Diese muss jetzt genauso wie ihr früherer Lebensgefährte ins Gefängnis. Elf Jahre und neun Monate lang. Die Große Strafkammer des Schweriner Landgerichts hat Nicole G. (24) und Stefan T. (26) gestern für schuldig befunden, ihre gemeinsame fünfjährige Tochter Lea-Sophie im vergangenen Herbst verhungert haben zu lassen.

Das juristische Urteil ist also gesprochen. Mord aus niederen Beweggründen sei es gewesen, so das Gericht. Sehenden Auges hätten Nicole G. und Stefan T. tatenlos zugelassen, „dass ihr eigen Leib und Blut jämmerlich bis zum Tode dahinsiecht“, sagte Richter Robert Piepel. Damit hätten sie das elterliche Grundgesetz, für das Wohl der eigenen Kinder zu sorgen, gebrochen.

Doch auch nach der Urteilsverkündung blieb im Gerichtssaal die eine Frage offen, die seit dem Tod der kleinen Lea-Sophie am 20. November 2007 bewegt: Wie konnte es dazu kommen, dass ein kleines Mädchen vor den Augen seiner Eltern äußerlich zur Greisin wird, mit eingefallenen Wangen, ausfallenden Haaren, zum Schluss bewegungsunfähig?

Betroffenheit angesichts der ungeheuren Tragödie auch bei der Großen Strafkammer. „Was sind das für Menschen, die so etwas zulassen?“, fragte Richter Piepel und ließ die Zuhörer in seiner mehr als einstündigen Urteilsbegründung seine Motivsuche in der, wie er es umschrieb, „kranken Welt“ der Angeklagten nacherleben. Zur Erklärung setzte Piepel ein Mosaik aus biografischen Wunden, seelischen Störungen und unheilvollen äußeren Einflüssen zusammen.

Mutter wertete Verhalten der Tochter als Angriff
Nicole G. habe sich als verwöhntes „Nesthäckchen“ ihres Adoptivvaters niemals zu einer eigenständigen Persönlichkeit entwickeln können, so Piepel. Selbstkritische Betrachtungen seien ihr nicht möglich. Als Lea-Sophie nach der Geburt ihres kleinen Bruders eifersüchtig reagiert und die Nahrungsaufnahme verweigert habe, sei dies für die 24-Jährige wie ein persönlicher Angriff gewesen. Ihr hoher Selbstanspruch, eine perfekte Mutter zu sein, sei durch Lea-Sophies Verhalten in Frage gestellt worden. Darauf habe Nicole G. aggressiv und zugleich mit Vernachlässigung ihrer Tochter reagiert. Stefan T. beschrieb Piepel als einen unsicheren Menschen, der Konflikten aus dem Weg gehe und der wegen seiner verminderten Fähigkeit, sich in die Lage anderer Menschen einzufühlen, nicht in der Lage sei, eine gesunde Partnerschaft zu führen.

Auf dem Weg in die Handlungsunfähigkeit des Paares spielten nach Ansicht des Gerichts wohl auch die Großeltern eine tragische Rolle. Wohl in bester Absicht hätten sie das junge Paar geradezu belagert, brachten Essen, gaben Tipps, informierten schließlich das Jugendamt, als sie immer häufiger vor verschlossenen Türen standen und sich sorgten. T. und G., die schon von ihren Eltern verkuppelt worden waren, blieb laut Piepel jedoch kaum noch „Luft zum alleine Atmen“. Trotz der sich zuspitzenden Begleitumstände sprach der Richter aber den Eltern die Hauptverantwortung für Lea-Sophies Tod zu.

Das städtische Jugendamt, dem aus Sicht eines kommunalen Untersuchungsausschusses erhebliche Fehler unterlaufen waren, die den Tod des Mädchens begünstigt hätten, trifft nach Auffassung des Gerichtes im juristischen Sinne keine Schuld.

Fall hatte in Schwerin politische Krise ausgelöst

Staatsanwalt Wulf Kollorz war noch weiter gegangen und hatte Stadtpolitikern vorgeworfen, den Tod von Lea-Sophie instrumentalisiert zu haben. Der Fall hatte in Schwerin bekanntlich eine politische Krise ausgelöst, die in der Abwahl von Oberbürgermeister Norbert Claussen (CDU) gipfelte. Der gestrigen Urteilsverkündung musste Kollorz fernbleiben, da laut Oberstaatsanwalt Ralph Ketelboeter ein Prozess „nicht mit Dingen befrachtet werden sollte, die nicht dorthin gehören“.

Staatsanwaltschaft und Verteidiger überlegen noch, ob sie das gestrige Urteil annehmen. Lea-Sophie hat unterdessen ihre letzte Ruhestätte auf dem Waldfriedhof in Schwerin gefunden. Auf dem Marmorstein an ihrem Grab steht eine Widmung: „Ich wollte leben so wie ihr, doch das Schicksal versagte es mir.“

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