Dankbar für einen Zufluchtsort

Der Staat Israel wurde am 14. Mai 1948 vom späteren Regierungschef David Ben-Gurion (stehend) in Tel Aviv ausgerufen. Obwohl Ort und Zeit der Zeremonie vorher geheimgehalten worden waren, verfolgten damals etwa 50 000 Einwohner über Lautsprecher die Staatsgründung. Foto: dpa
Der Staat Israel wurde am 14. Mai 1948 vom späteren Regierungschef David Ben-Gurion (stehend) in Tel Aviv ausgerufen. Obwohl Ort und Zeit der Zeremonie vorher geheimgehalten worden waren, verfolgten damals etwa 50 000 Einwohner über Lautsprecher die Staatsgründung. Foto: dpa

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07. Mai 2008, 08:15 Uhr

Eine Kindheitserinnerung lässt mich nicht los. Wir wohnten in Amsterdam, unser erster Zufluchtsort nach der Emigration aus Berlin. Unter uns wohnte eine junge, holländisch-jüdische Familie die meiner Mutter sehr beigestanden hat, nachdem mein Vater neun Monate mit einem Nervenzusammenbruch in einer Klinik verbrachte. Mit den zwei Töchtern dieser Familie habe ich heute noch Kontakt.

Eines Tages, im späten November oder Dezember 1938, kam noch eine Jugendliche in die Familie. Sie war ein jüdisches Mädelchen aus Österreich, 17 oder 18 Jahre alt, welche die holländische Familie zu sich genommen hatte nach der Pogromnacht des 9. Novembers. Irgendwann im Februar oder März 1939 tauchte ihr älterer Bruder plötzlich auch in der Wohnung auf. Er war aus Österreich geflüchtet, hatte aber keine Aufenthaltserlaubnis, weder in Holland noch sonst wo in Westeuropa. Er kam nach Amsterdam um dort oder in Rotterdam auf ein Schiff zu gehen, das nach Südamerika fuhr in der Hoffnung, dass die Flüchtlinge dort zugelassen würden.

Das passierte mehrere Male. Und die Passagiere auf einem dieser Schiffe, die dann weder in Uruguay, Brasilien oder Argentinien zugelassen wurden, haben dann ein Loch unter der Wasserlinie ihres Schiffes gebohrt und fanden eine neue und ewige Heimat am Boden der See. Was aus diesem jungen Österreicher geworden ist, ob sein Schiff irgendwo zuflucht fand, oder ob er auf dem Schiff war, das versenkt wurde, weiß ich nicht. Aber die Frage verfolgt mich bis heute.

Nie wieder werden Juden keine neue Heimat finden
Das bestehen des Staates Israel bedeutet nur eins für mich, dass nie wieder Juden die aus einem Land oder einem Erdteil ausgestoßen werden, ihre neue Heimat am Boden des Ozeans suchen müssen. Es ist jetzt ein Land da, dass sie immer zulässt. Sie haben einen Zufluchtsort. Und das beruhigt mich. Dafür bin ich dankbar. Denn ich weiß , was es bedeutet, keinen Zufluchtsort zu haben.

Als der Staat gegründet wurde, musste ich entscheiden, ob ich hinziehen sollte oder nicht. Kurz danach wurde ich krank und es hat dann mehrere Jahre gedauert, bis ich wieder arbeitsfähig war. Das sind nicht Jahre, an die ich mich gerne erinnere. So war der Staat schon mehrere Jahre alt und hatte sich als lebensfähig erwiesen, als ich wieder in die Arbeitswelt zurück ging. Ich habe dann noch kurz überlegt, ob ich doch noch hinziehen sollte oder nicht. Ich war aber für nichts ausgebildet , hatte schon etwas im englischen Journalismus gearbeitet, und wollte wieder dort hin zurück, für den englischen Journalismus brauchte man keine vorherige Ausbildung, wenigstens nicht damals. So blieb ich in England und schlug immer tiefere Wurzeln, beruflich und gesellschaftlich, im englischen Leben. Eines Tages war es dann unvorstellbar, dass ich noch irgendwo anders hinziehen würde – bis ich vor sechs Jahren nach Schwerin kam.

Das hatte meines Erachtens Konsequenzen für meine Beziehung zu diesem Staate. Es bedeutete im Grunde genommen, dass ich an seinem Schicksal nicht beteiligt war. Ich bin auch besuchsweise in den ersten 20 Jahren dessen Bestehens niemals dort gewesen.
Mein erstes Mal war im Jahre l969 in einer Dienstreise mit anderen englischen Journalisten. Das hatte verschiedene Gründe. Reisen war damals teuer, besonders nach Übersee und die Gehälter im englischen Journalismus waren bescheiden.

Kein Recht des Mitredens oder des Klugschnackens
Aber es bedeutete eben, dass ich überhaupt keinen Anteil am Leben des Staates Israel habe. Ich werde von keinen Selbstmordbombern bedroht. Das gibt mir auch kein Recht des Mitredens oder des Klugschnackens. Heute bezahle ich meine Steuern in zwei Ländern, hier in Deutschland und in England. Und das genügt mir vollkommen. Ich habe mich daher auch nicht tief mit dem Schicksal Israels beschäftigt und schon überhaupt nicht mit den täglichen Ereignissen der Nahost-Spannungen und der örtlichen Politik.

In dieser Zeitung lese ich über hiesige, örtliche Ereignisse, schau einmal, was in Berlin los ist und in London, und werfe einen kurzen Blick in Richtung Washington. Und dann geht es an die Tagesarbeit. Aber irgendwo im Bewusstsein oder Unterbewusstsein bleibe ich zutiefst dankbar für das Bestehen des Staates Israel. Denn es bedeutet, dass nie wieder ein junger Mann auf ein Schiff muss, dem kein Hafen in der Welt offen ist und das nur Ruhe findet am Boden der See.

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