Dammbruch in Lubmin - Energiewerk Nord will radioaktiven Müll aus anderen Bundesländern holen

Öffnet die Tore für Atommüll aus anderen Ländern: das Zwischenlager Lubmin. Foto: Hans-Dieter Hentschel
Öffnet die Tore für Atommüll aus anderen Ländern: das Zwischenlager Lubmin. Foto: Hans-Dieter Hentschel

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15. August 2008, 08:04 Uhr

Greifswald - Nur neun Jahre nach der Genehmigung des bisher für Kernbrennstoffe aus den ostdeutschen Atomkraftwerken Lubmin und Rheinsberg reservierten Zwischenlagers in Vorpommern öffnet Mecklenburg-Vorpommern sein Atommülllager für radioaktive Abfälle auch aus anderen Bundesländern.

Beim Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) sei der Transport und die Lagerung von insgesamt neun Castorbehältern beantragt worden, teilte die Sprecherin der Energiewerke Nord, Marlies Philipp, mit. Nach dem vereinbarten Atomausstieg wolle der Bund die in seinem Besitz befindlichen Kernbrennstoffe in Lubmin konzentrieren.

Mit den Genehmigungen werde 2008, Anfang 2009 gerechnet. Damit sollen bestrahlte Brennstäbe aus den bundeseigenen Forschungszentren Karlsruhe und Geesthacht, die gegenwärtig teilweise in Frankreich und Belgien lagerten, nach MV transportiert werden.

Bundesamt prüft Transportanträge
Es sei u. a. vorgesehen, „sehr gefährliche“ und „hochradioaktive Flüssigkeiten“ aus Karlsruhe in der dortigen Verglasungsanlage in 130 endlagerfähige Glasblöcke in Edelstahlbehältern, sogenannte Kokillen, zu füllen, um sie anschließend bis zur Endlagerung in Lubmin zu deponieren, sagte Philipp. Insgesamt lagern bisher 65 Castorbehälter mit Atommüll aus Lubmin und Rheinsberg in Vorpommern.

Bereits zu Jahresbeginn war von den bundeseigenen Energiewerken Nord der Castortransport mit einem leeren Container getestet worden. Die vorliegenden Anträge „zur Genehmigung der Aufbewahrung von Kernbrennstoffen, zur Zulassung und zum Transport nach Lubmin“ würden derzeit entsprechend der Sicherheitskriterien detailliert geprüft, bestätigte BfS-Sprecher Werner Nording.

Das Verfahren sei noch nicht abgeschlossen. Die Transporttermine würden in der Verantwortung der Abfallbesitzer liegen. Die Energiewerke rechnen damit, dass die Strahlenschutzbehörde die Genehmigung an zusätzliche Auflagen knüpfen werde.

Umweltschützer warnten indes vor den Sicherheitsrisiken und kritisierten den Lagerausbau. Es sei damit zu rechnen, dass die Einlagerungsgenehmigung erteilt werde, sagte Dirk Seifert, Energieexperte der Umweltschutzorganisation Robin Wood. Damit würde eine „hochradioaktive und hochgefährliche Suppe“ aus Karlsruhe nach Lubmin gelangen.

Würden die Castoren beispielsweise im Falle einer Brandkatastrophe „durchknallen“, könnte das „gigantische Auswirkungen“ mindestens von den Ausmaßen der Tschernobyl-Katastrophe nach sich ziehen.

Für Birger Buhl wird es nicht die letzte hochgefährliche Fracht sein, die da im kommenden Jahr in Greifswald erwartet wird – insgesamt neun Castorbehälter mit hochradioaktivem Abfall aus den Forschungszentren in Karlsruhe und Geesthacht nehmen Kurs auf Vorpommern.

200 Meter lang, 140 Meter breit, 18 Meter hoch, misst das Zwischenlager aus bis zu 70 Zentimeter dickem Stahlbeton auf dem Gelände des ehemaligen Atomkraftwerkes Lubmin – 20 000 Quadratmeter nutzbare Fläche.

„Viel zu groß dimensioniert“, meint der Atomkraftgegner der Bürgerinitiative „Kernenergie zur Förderung alternativer Energiequellen“ in Greifswald. In den Gebäuden gebe es weit mehr Platz, als u. a. zur Aufbewahrung der Kernbrennstoffe aus den ehemaligen Atomkraftwerken Lubmin und Rheinsberg benötigt werde, meint er.

Nur dafür war die Zwischenlagerung in Halle acht einst genehmigt worden – für 40 Jahre, solange bis die bestrahlten Brennelemente in ein Endlager gebracht werden, entschied das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS).

Doch wer Platz hat, werde künftig immer neue Anträge zur Zwischenlagerung von radioaktivem Abfall stellen, ist sich Umweltaktivist Buhl sicher.

Die Zusage des Bundes hielt gerade einmal wenige Jahre. 470 Millionen D-Mark (240 Millionen Euro) hatte das bundeseigene Unternehmen Energiewerke Nord in ein Lagergebäude mit insgesamt acht Hallen gesteckt.

Inzwischen ist das Unternehmen auf dem besten Weg, sowohl das Abfalllager für schwach und mittelradioaktiv belasteten Atommüll als auch das Transportlager für ausgediente Brennelemente kräftig aufzufüllen.

Erst im Frühjahr genehmigte Innenminister Lorenz Caffier (CDU) den Energiewerken die so genannte erweiterte Pufferlagerung, die es erlaubt in weit stärkerem Maße als bisher radioaktiv belastete Großteile auch aus Atomkraftwerken anderer Bundesländer nach Lubmin zu karren, dort zu zerlegen und zu entsorgen.

So wurde die Lagerzeit von bisher zwei auf zehn Jahre erweitert. Zudem dürfen statt bisher 6700 Tonnen innerhalb von zwei Jahren nun 15 000 Tonnen Atommüll in zehn Jahren gelagert werden.

Ein Dammbruch, kritisierte der frühere Umweltminister und heutige Fraktionschef der Linkspartei Wolfgang Methling seinerzeit. Damit sei der Weg frei für eine Ausdehnung der Lagerung fremden Atommülls, meinte er, der den Energiewerken in seiner Zeit als Umweltminister die Genehmigung verweigerte.

Die Energiewerke hätten einen Rechtsanspruch auf die Genehmigung, hielt Caffier entgegen und warb vor allem mit 100 neuen Arbeitsplätzen in Vorpommern. Für ihn ist klar: „Der Standort Lubmin wird nicht zur Müllkippe für Atommüll aus Deutschland.“

Das wird sich zeigen. Die Lagerhallen seien keineswegs überdimensioniert, wiegelte die Sprecherin der Energiewerke Nord, Marlies Philipp, noch ab. In Lubmin würden nur Kernbrennstoffe aus bundeseigenen Anlagen zwischengelagert. „Private brauchen uns nicht.“

Das könnte sich ändern: Setze sich die Industrie durch, werde voraussichtlich auch in Lubmin weiterer Atommüll landen, befürchtet Dirk Seifert, Energieexperte der Umweltorganisation Robin Wood. „Ob es in 40 Jahren ein Endlager geben wird, wird sich zeigen“, zweifelt der Atomkraftgegner.

Bislang habe es zu viele Unwägbarkeiten gegeben. „Das wird länger als 40 Jahre dauern“, ist er sich sicher. Und dann brauche man Zwischenlager wie in Lubmin.

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