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30 Personen verfolgte Procedere in Passau live mit : Crivitzer erlebten Guss ihrer Glocken

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"Es war ein Erlebnis", erzählt Andrea Franiel. Die Crivitzerin gehörte zu den 30 Personen, die voriger Woche in Passau das Gießen von Glocken für die evangelische Kirchgemeinde miterlebte.

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erstellt am 03.Mär.2011 | 12:09 Uhr

"Es war ein eindrucksvolles Erlebnis, das ich mir auf keinen Fall entgehen lassen wollte", erzählt Andrea Franiel. Die Crivitzerin gehörte zu den 30 Personen, die Ende voriger Woche in Passau das Gießen von zwei Glocken für die evangelische Kirchgemeinde miterlebte. Zwei Tage waren die Mecklenburger unterwegs. Viele hatten extra Urlaub genommen und die Strapazen von 21 Stunden im Bus - Stau auf der Hintour - in Kauf genommen, um diesem für Crivitz historischen Moment beizuwohnen. "Und es hat sich gelohnt. Darüber waren sich alle auf der Rückfahrt einig", berichtet Pastor Martin Krämer.

Dabei waren die Crivitzer gerade mal eine Stunde in der Passauer Glockengießerei zu Gast. Für den Guss selbst benötigten Meister Rudolf Perner und seine Angestellten sogar "nur" 15 Minuten. Doch die sind selbst für die Profis immer wieder heikel: Entscheidet sich doch in dieser kurzen Zeit, ob die Arbeit eines halben Jahres erfolgreich war oder nicht. Und dabei ging es nicht nur um die Crivitzer Glocken, insgesamt zehn Stücke wurden in einem Zuge gegossen. Darunter auch zwei Glocken für die Warlitzer Kirche (Kreis Ludwigslust). "Unsere Glocken waren aber die größten. Sie wiegen anderthalb bzw. eine Tonne", erläutert Andrea Franiel, die dem Kirchgemeinderat und auch dem extra gebildeten Glockenausschuss angehört. Mit diesem Wissen konnten die Crivitzer sogar ein Geheimnis der Glockengießer lüften. Denn die Fachleute verraten nicht, an welcher Stelle in der Erdgrube die entsprechende Gussform steht. "Ein Vorarbeiter erzählte aber im Vorfeld, dass bei jedem Guss die größte Glocke als erste an der Reihe ist…", berichtet Pastor Krämer.

Bayern gaben Einblicke in alte Handwerkskunst

Doch generell ging es in der Passauer Gießerei sehr traditionell zu. Die Glocken entstehen noch in echter Handarbeit und nach dem traditionellen Verfahren. Selbst bei ihrem kurzen Besuch bekamen die Crivitzer davon viel mit. Die Bronze für alle zehn Glocken kam aus einem großen Schmelzofen, der mit Holz befeuert wurde. Insgesamt müssen es bei diesem Guss sieben bis acht Tonnen Bronze gewesen sein. Das Kupfer (78 Prozent der Legierung) war bereits eingeschmolzen, als die Gäste eingelassen wurden. Sie erlebten jedoch mit, wie nach und nach Zinn hinzu gegeben wurde. Meister Rudolf Perner achtete persönlich darauf, dass die Mischung stimmte und die Gusstemperatur von 1200 Grad erreicht wurde. Höchste Anspannung und absolute Stille herrschten, als das flüssige Metall durch die vorbereiteten Rinnen zur jeweiligen Gussform geleitet wurde. Insgesamt 15 Männer führten jede Anordnung des Meisters aus. "Die Konzentration und Anstrengung war jedem anzusehen", schildert Andrea Franiel. Wie sehr auch die Besucher das Ganze mitgenommen hatte, spürten diese erst nach dem Guss. "Um alle Eindrücke zu verarbeiten, braucht man Zeit", betont Pastor Krämer. Hinzu kamen Hitze und Staub, die auch Kräfte raubten.

Die entscheidende Frage ist aber noch nicht beantwortet: War der Guss erfolgreich? Denn das können die Spezialisten erst sagen, wenn sie die Glocken ausgegraben haben. Das erfolgt in knapp zwei Wochen. "Ich bin sehr zuversichtlich", sagt Pastor Krämer. "Denn der Meister hat gleich nach dem Guss gesagt, dass er ein gutes Gefühl hat."

Am Ostersonntag erklingt neues Geläut das erste Mal

Alle Crivitzer können ihre neuen Glocken am 10. April in Augenschein nehmen. Zwei Wochen vor Ostern werden diese festlich geweiht. Anschließend erfolgt der Einbau und am Ostersonntag soll das Geläut erstmals erklingen. "Die Glockenweihe erfolgt auf dem Marktplatz - auch als Dankeschön an alle Crivitzer", betont der Pastor. Denn die beiden Glocken und deren Montage sollen ausschließlich mit Spenden bezahlt werden. Ende 2009 gab es dafür den ersten Aufruf. 50 000 Euro sind bislang zusammengekommen. "Dass wir das in einem Jahr schaffen, hatte ich nicht erwartet", räumt Krämer ein. Allerdings fehlen auch noch etwas mehr als 20 000 Euro, um alle Kosten zu decken. Die Spendensammlung geht daher weiter.

Mit dieser Aktion schließen die Crivitzer eine Lücke, die der Zweite Weltkrieg hinterlassen hat: Zwei von vier Glocken wurden damals abgenommen und eingeschmolzen. Zurück blieben das schon damals wertvollste Stück - eine aus dem 14. Jahrhundert stammende Glocke aus der Werkstatt Rickert von Mönkenhagen - sowie die einstige Taufglocke, die heute fest mit dem Schlagwerk der Kirchturmuhr verbunden ist. "Zu einer Stadtkirche wie der Crivitzer gehörte früher immer ein Geläut aus vier Glocken", betont Pastor Krämer. Dessen Wiederherstellung rückt nun näher.

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