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21. November 2017 | 00:17 Uhr

Checkliste gegen Kunstfehler

vom

Falsche Medikamente, vergessene Tupfer: In 45 Fällen sind Ärzten in MV im vergangenen Jahr Fehler bei der Behandlung von Patienten nachgewiesen worden. Am häufigsten ist die Chirurgie vertreten. Künftig soll hier eine Checkliste wie bei Piloten Abhilfe schaffen.

svz.de von
erstellt am 05.Feb.2009 | 09:15 Uhr

Greifswald | Im OP-Saal liegt ein Patient, dem ein Tumor in der rechten Lunge entfernt werden soll. Kurzfristig müssen die Ärzte jedoch in einen anderen OP-Saal ausweichen, der spiegelbildlich identisch ist. Die Ärzte schneiden die falsche Seite auf, bemerken den Irrtum aber, bevor noch Schlimmeres passiert.

Fehler wie dieser sollen künftig durch eine Checkliste wie bei Piloten verhindert werden. Dort würde beispielsweise stehen, dass die richtige Körperseite vor einer entsprechenden OP mit einem Filzstift markiert wird. Oder dass die genaue Zahl der verwendeten Instrumente und Tupfer vor und nach der Operation dokumentiert wird. Bei Tests in weltweit acht Ländern konnten Komplikationen durch den Einsatz dieser standardisierten OP-Checkliste laut der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie (DGCH) um rund ein Drittel gesenkt werden. Diese von der WHO verabschiedete Liste soll in diesem Jahr routinemäßig in den Klinikalltag eingeführt werden, wie der Generalsekretär der DGCH, Prof. Hartwig Bauer, gestern in Greifswald ankündigte. Spektakuläre Fehler wie eine OP am falschen Bein seien zwar absolute Raritäten, sagte auch Prof. Claus-Dieter Heidecke, Direktor der Chirurgischen Klinik Greifswald: "Aber jeden, den es trifft, trifft es zu 100 Prozent."

Abgesehen von derart Aufse hen erregenden Irrtümern waren 2008 laut Ärztekammer MV bei der Schlichtungsstelle 541 Patientenbeschwerden aus dem Land anhängig. In 45 Fällen wurde ein Behandlungsfehler nachgewiesen - 13 weniger als 2007. In 253 Fällen wurde ein schuldhaftes Verhalten nicht bestätigt. Auffällig: 42 Prozent der Fehler stammten aus der Chirurgie. Die Techniker Krankenkasse in MV verzeichnete sogar 50 Prozent. Prof. Bauer weiß warum: "In der Chi rurgie gibt es Tatort, Tatzeit und Täter." Hier seien Fehler leichter zuzuordnen, als wenn es zum Beispiel in der Inneren Medizin zu einer falschen Dosierung von Medikamenten komme.

In Bezug auf die gesamte Patientenzahl ist die Fehlerquote zwar gering: Laut Statistik kommt es bei 0,75 Prozent der 17 Millionen Patienten, die pro Jahr in deutschen Kliniken behandelt werden, zu Kunstfehlern. Allerdings geht man auch davon aus, dass es 17 000 tödliche Behandlungsfehler in allen Medizinbereichen gibt. "Mit Irrtümern muss man aufräumen", sagt Bauer. Lange Zeit hätten Ärzte wegen Regressforderungen Sorge gehabt, Fehler zuzugeben. Inzwischen habe sich die "Fehlerkultur" aber weiterentwickelt.

Die Checkliste sei nur ein Baustein von mehreren, um Komplikationen zu vermeiden, so Bauer. Generell spiele die Dokumentation eine große Rolle. Dafür müssten allerdings auch die Rahmenbedingungen stimmen. Bei den knappen Klinikbudgets kämen überlastete Ärzte und Schwestern an ihre Grenzen.

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