Chaostage bei der Bahn

<strong>Späte Versorgung:</strong> Den bei Temperaturen von fast 50 Grad kolabierten Schülern wurde erst auf dem Bahnsteig geholfen. <foto>dpa</foto>
Späte Versorgung: Den bei Temperaturen von fast 50 Grad kolabierten Schülern wurde erst auf dem Bahnsteig geholfen. dpa

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12. Juli 2010, 08:17 Uhr

Berlin/Hamburg/Bielefeld | Auch Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer stöhnt angesichts der anhaltenden Hitzeprobleme bei der Bahn - für den CSU-Mann ein großes Ärgernis, aber trotzdem kein Grund, die Mängel zu "einer nationalen Tragödie" hoch zu stilisieren. Er erwarte, dass "die Züge bei minus 40 Grad genauso zuverlässig fahren wie bei plus 40 Grad", verlangte der Verkehrsminister rasche Konsequenzen. Sofort Abhilfe schaffen, so die Devise.

Bahn-Management und Zug-Hersteller in Erklärungsnot: Kommt es doch nicht zum ersten Mal bei extremen Temperaturen zu Ausfällen und Beeinträchtigungen. Nicht nur Ramsauer, sondern auch Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner kritisierte das Krisenmanagement des Konzerns. Die CSU-Politikerin erklärte, es gebe Hinweise, dass noch mehr Züge vom Hitzechaos betroffen gewesen sein als bisher berichtet. Sämtliche Züge müssten auf ihre Funktionsbereitschaft hin überprüft werden.

Die Bahn-Führung zeigte sich gestern nach einem Telefonat von Verkehrsminister Ramsauer und Bahnchef Rüdiger Grube zerknirscht, versprach Entschädigungen für Fahrgäste und eine sorgfältigere Wartung der Züge. Bereits in seiner nächsten Sitzung will sich der Bahn-Aufsichtsrat mit den ICE-Mängeln beschäftigten.

Das Hitzechaos bei der Bahn könnte auch ein Nachspiel im Bundestag haben. "Dem Verkehrsausschuss muss über die Vorfälle, die jetzt getroffenen Maßnahmen des Unternehmens und die Wartungsmaßnahmen der Vergangenheit zeitnah ein schriftlicher Bericht vorgelegt werden", erklärte FDP-Fraktionsvize Patrick Döring gestern gegenüber unserer Redaktion und warnte vor einem Imageschaden für den Konzern: "So wird die Bahn im Wettbewerb mit Auto und Flugzeug nicht gewinnen."

Immer wieder Ärger mit Zügen und Verspätungen für die Fahrgäste: Nicht auf alle Wetter-Widrigkeiten scheint das Unternehmen eingestellt sein. Der vergangene Winter ist den Verantwortlichen bei der Bahn noch in schlechter Erinnerung. Von Zugausfällen wegen Eis, Schnee und Kälte waren besonders Fernreisende betroffen. "Auf Grund witterungsbedingter Einflüsse" mussten in den Wintermonaten im Schnitt 30 Fernzüge pro Tag entweder zum Teil oder ganz gestrichen werden - drei Mal soviel wie im Winter 2007/2008. Erst der kalte Winter, jetzt der extrem heiße Juli - Wetter und Materialmängel stellen die Bahn vor immer neue Probleme. "Was nützen uns die schönsten Hightech-Züge, wenn in Sondersituationen Züge ausfallen und einfache Technik wie die Klimaanlage versagt, weil sie unzulänglich gewartet wurde?", fragt Grünen-Verkehrsexperte Winfried Hermann. "Hier besteht dringender Verbesserungsbedarf."

Wut und Entrüstung indes bei den unmittelbar vom Hitzechaos betroffenen Fahrgästen: Nach dem Zusammenbruch mehrerer jugendlicher Schülerinnen wegen der Hitze in ICE-Zügen, sind die Betroffenen trotz Entschuldigung der Deutschen Bahn empört über das mangelnde Krisenmanagement des bundeseigenen Verkehrskonzerns. "Ich bin erschüttert, dass so etwas passieren kann, dass ein Unternehmen so etwas zulässt", sagt Lehrerin Dagmar Reichenberg-Arnoldi gestern in Willich. "Auf dem Bahnsteig waren keine Personen zu finden, die sich verantwortlich fühlten", klagt die Schulleiterin vom St. Bernhard Gymnasium, Margret Peters. Viele Schüler könnten das schreckliche Ereignis noch nicht vergessen und würden weiter psychologisch betreut. Die Sophie-Scholl-Gesamtschule in Remscheid will sogar Schadenersatz von der Deutschen Bahn fordern. Die Bahn habe den Vertrag auf Beförderung der Schüler nicht erfüllt, sagt Schulleiterin Brigitte Borgstedt.

Die insgesamt 60 Schüler aus Willich und Remscheid waren auf dem Rückweg von einer Klassenreise nach Berlin, als die Kühlung des Zuges versagte. Bereits in Hannover hatte eine Klasse den Zug gewechselt - allerdings in den ebenfalls völlig überhitzten ICE mit Temperaturen von mehr als 50 Grad, der zudem stark überfüllt war. "Wir wurden nachdrücklich aufgefordert, schnell in den Zug einzusteigen, man kann sagen, wir wurden praktisch dazu gedrängt", empört sich Reichenberg- Arnoldi. In dem Zug und nach dem erlösenden Halt in Bielefeld seien die Menschen dann reihenweise kollabiert.

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