Chaos an Berufsschulen

Für die Berufsschulen im Land ist das Maß voll. Schon jetzt beklagen sie massive Stundenausfälle durch fehlende Lehrerstellen. Nun fürchten sie, dass es noch schlimmer kommt: Das Bildungsministerium plant, die geltende Teilzeitregelung weiter auf die Berufsschulen auszudehnen.

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11. September 2008, 09:02 Uhr

Schwerin - „Wenn in der Anfangsklasse für Elektrotechnik gleich zu Beginn 30 Stunden E-Technik ausfallen, dann ist eine qualifizierte Ausbildung nicht mehr möglich“, schilderte Holger Verchow, Landesverbandschef der Lehrer an beruflichen Schulen, gestern bei der Anhörung im Bildungsausschuss des Landtags das Dilemma. Seine eigene Schule in Rostock kämpfe nun schon zum dritten Mal in Folge mit „unrealistischen“ Stellenzuweisungen. Während des Schuljahres könne der Mangel dann nicht mehr behoben werden, weil es dann immer heiße: Der Haushalt ist schon beschlossen. „Wenn das einmal passiert, ist das noch nachvollziehbar, aber hier gibt es offensichtlich einen Fehler im System“, bemängelte Verchow. Dazu zähle auch die „realitätsferne“ Budgetierung der Stundenzuweisung.

Nach Angaben der Lehrergewerkschaft GEW und des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) in MV sind schon in der ersten Woche im Schulamtsbezirk Rostock etwa 1000 und im Bereich Schwerin rund 300 Unterrichtsstunden an den Berufsschulen ausgefallen. Hintergrund: Wegen rückläufiger Schülerzahlen hat das Bildungsministerium bereits schrittweise Lehrerstellen gestrichen. Zudem soll die Teilzeitregelung für Pädagogen in MV weiter auf die Berufsschulen ausgedehnt werden.

Sorge um Jugendliche mit besonderem Förderbedarf

Das kritisierte gestern auch Jens Mattner vom Landesverband der Lehrer an Wirtschaftsschulen. Die Teilzeitregelung werde dazu führen, dass Lehrer und Azubis in abwanderten, da eine bedarfsgerechte und wohnortnahe Ausbildung im Land nicht mehr möglich sei. Vor allem moderne Berufe mit höherwertigen Abschlüssen könnten dann nicht mehr in MV erlernt werden. Ganz düster sehe es für Schüler mit besonderem Förderbedraf aus, meinte Karl-Heinz Krüger vom Fachverband für Sonderpädagogik in MV. Ohne eine umfangreiche und durch Vollzeit abgedeckte Betreuung hätten diese Jugendlichen keine Chance. „Diese Schüler sollen aber später die Lücken durch den Fachkräftsmangel schließen. Wie soll das dann noch gehen?“

GEW-Landeschefin Annett Linder gab zu Bedenken, dass wegen der Neuordnung der Berufe verstärkt junge Lehrer benötigt würden. Bei diesen Arbeitsbedingungen seien sie aber die ersten, die dem Land den Rücken kehrten.

Nach Auffassung von DGB-Nord-Vize Ingo Schlüter sollten die frei werdenden Mittel durch die demografische Entwicklung im Land nicht abgezogen, sondern dringend in die Qualitätssicherung und -steigerung der Berufsausbildung gesteckt werden.

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