„Casting ist die halbe Miete“

„Das Gleiche könnte auch ein arabischer Filmemacher über Islamisten machen“, sagt Michael Haneke, Spezialist für verstörende Filme zum Thema Gewalt und Kandidat für den Auslands-Oscar. Sein auch in Cannes prämierter und und in Mecklenburg und der Prignitz gedrehter Streifen „Das weiße Band“ kommt heute in die Kinos. Es ist ein Psychogramm eines Dorfes am Vorabend des Ersten Weltkrieges und die Wurzeln des Faschismus.

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14. Oktober 2009, 09:40 Uhr

Herr Haneke, die Kommission für den deutschen Oscar-Kandidaten hat „Das weiße“ Band nominiert. Wie hat man das in Ihrer Heimat Österreich aufgenommen?
Michael Haneke: Mir ist es egal, ob ich von Österreich oder Deutschland vorgeschlagen werde. Hauptsache ich werde überhaupt vorgeschlagen. Wenn’s am Ende dann klappt, ist’s gut. Wenn nicht, ist es auch gut. Man sollte solche Sachen nicht überbewerten.

Aber es würde Sie schon freuen, wenn „Das weiße Band“ dann tatsächlich in der Endauswahl in der Kategorie „Bester nicht-englischsprachiger“ Film stünde?
Haneke: Natürlich wäre es schön, Man macht ja einen Film, um damit Anerkennung zu finden. Wir sind immer so förderungswürdig wie der letzte Film. Daher ist jede Anerkennung, ob sie nun in Zuschauerzahlen oder Preisen besteht, stets willkommen. Wenn beides zusammenkommt, ist das noch willkommener.

Für viele ist der Film eine sehr deutsche Geschichte, was ist daran typisch?

Haneke: Die Geschichte spielt in Deutschland in einem ganz bestimmten geistigen Klima und in einer Zeit, zu der bestimmte Assoziationen bestehen: Es die Generation, die um 1933 oder 1939 erwachsen war. Das muss man nicht mehr besonders erwähnen, das erzählt sich gewissermaßen von selbst. Mich hat vielmehr das Allgemeine daran interessiert: Wie wird man für Ideologien konditioniert? In welchem Zustand muss man sein, um den Strohhalm einer Ideologie zu ergreifen, sei es den von rechts oder links, religiös oder politisch. Das ist heute genauso gültig wie damals und ich erzähle es lediglich über das prominenteste Beispiel, nämlich Deutschland. Das Gleiche könnte auch heute ein arabischer Filmemacher über Islamisten und deren Erziehung machen.

Die Besetzung des Films ist sehr beeindruckend: In einigen Hauptrollen finden sich bislang unbekannte Darsteller, daneben aber auch große Schauspieler wie Ulrich Tukur, Burghart Klaussner und Susanne Lothar zum Teil in kleinsten Nebenrollen.
Haneke: Casting ist beim Film die halbe Miete. Es genügt nicht, einfach nur gute Schauspieler zu sammeln. In den Eichinger-Filmen kommen immer die gleichen Schauspieler zusammen und spielen alles, egal ob’s passt oder nicht. Die sind dann urschlecht, was man den Schauspielern selbst nicht einmal vorwerfen kann. Sie müssen eben etwas spielen, was sie gar nicht können.
Wie schwierig war es mit der großen Zahl an Kindern im Ensemble?
Haneke: Davor hatte ich am meisten Angst. Ich hatte darauf bestanden, dass wir schon ein halbes Jahr früher mit dem Casting speziell für die Kinder anfangen. Über 7000 Kinder haben wir gecastet. Es hat Gott sei Dank gut funktioniert.

Stand für Sie von vornherein fest, dass Sie in Schwarz-Weiß drehen werden?
Haneke:
Von meiner Seite aus ja, für den Produzenten allerdings nicht. Wie wir wissen, bekommen wir in keinem Land genug Geld ohne das Fernsehen als Koproduzenten, und dort schreit man sofort „Feuer!“, wenn sie das Wort Schwarz-Weiß hören. Es hat schon eine gewisse Überzeugungsarbeit bei den Produzenten gekostet.

Warum haben sich für Schwarz-Weiß entschieden?
Haneke:
Im öffentlichen Bewusstsein ist diese Epoche in Schwarz-Weiß dokumentiert und da lag es nahe, dass wir auch in Schwarz-Weiß drehen. Der andere Grund ist, dass Schwarz-Weiß immer auch eine Entfremdung darstellt. Es ist ein manipuliertes Abbild der Wirklichkeit und erhebt so einen naturalistischen Einzelfall zu etwas Allgemeinen.

Hatten Sie das Drehbuch zu „Das weiße Band“ schon in der Schublade liegen?
Haneke: Ich habe es vor zehn Jahren schon geschrieben. Das kommt öfter mal vor. Bei „Die Klavierspielerin“ oder „Wolfzeit“ war es ähnlich. Das Drehbuch war allerdings ursprünglich dreieinhalb Stunden lang, da wollten die Produzenten, dass ich ordentlich kürze.

Wie viele Drehbücher haben Sie denn noch auf Halde?
Haneke: „Das weiße Band“ war leider das letzte. Ich habe mal aus Lust an der Freude ein 80-seitiges Treatment für eine zehnteilige Science-Fiction-Serie geschrieben, aber die wird sicherlich nie realisiert werden. Jetzt muss ich mich tatsächlich wieder hinsetzen und etwas Neues schreiben. Eine Idee gibt es schon. Im Sommer werden wir drehen.

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