Campen statt Exerzieren

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11. April 2008, 12:13 Uhr

Sassnitz - Zelten unter Denkmalschutz - auf Rügen ist das jetzt Realität. Am Koloss von Prora ist unter der Regie des Deutschen Jugendherbergswerkes (DJH) ein Jugendcampingplatz eröffnet werden. Wo einst Bausoldaten exerzierten, sollen nun Bands auftreten.

Bekanntgeworden sind die fünf Blöcke an der Küste von Deutschlands größter Insel, weil Hitler hier ein „Kraft durch Freude“-Bad plante. Noch heute stehen viereinhalb Kilometer grauer Beton hinter den Dünen der Prorer Wiek. Der Sandstrand dort ist einer der schönsten auf der Insel - und einer der einsamsten. Denn Pläne, das denkmalgeschützte Areal sinnvoll zu nutzen, gab es zwar schon viele: Hotels und Wohnungen sollten entstehen. Verwirklicht aber wurden sie nicht.

Nun will DJH-Zeltplatzleiterin Andrea Bullerjahn den Ort zwischen dem Ostseebad Binz und der Hafenstadt Sassnitz mit Leben füllen. Konkret geht es um das Areal um Block V, das nördlichste der fünf Gebäude. „Natürlich müssen wir die alten Gebäude nutzen und dürfen keine neuen bauen“, sagt Bullerjahn. Einen neu gestalteten Eingang, der einem hölzernen Baumhaus gleicht, gibt es aber ebenfalls. Dahinter stehen die Grundmauern einer alten Baracke mit Stahltüren und blassgrünen Wänden - künftig werden hier Massagen angeboten.

Nur wenige Meter weiter liegt eine gepflegte grüne Wiese - der Zeltplatz. Er hat 250 Stellplätze für je vier Personen. Das gesamte Gelände ist 40 Hektar groß. Es zu umrunden, wäre ein langer Fußmarsch. „Dieser Zeltplatz war früher unser Exerzierplatz“, erinnert sich Stefan Wolter. Der Historiker aus Berlin beschreibt in seinem Buch den unfreiwilligen Einschnitt seiner Jugend, den er als 19-jähriger Pfarrerssohn Ende der 80er Jahre in Prora erlebte.
Stefan Wolter hatte den Dienst an der Waffe verweigert und wurde Bausoldat. Seit 1983 wurden diese Soldaten beim Bau des Hafens Sassnitz-Mukran eingesetzt. Sie waren extremen Belastungen ausgesetzt, besonders, als es um die Errichtung des Fähranlegers und Arbeiten unter Wasser ging. „Ich erinnere mich genau an den Exerzierplatz. Er war mit Kiefern gesäumt.“ Von den Bäumen steht heute keiner mehr. Doch Bilder in seinem Kopf sind noch lebendig: „Die haben Reservisten um den Platz gejagt, bis sie vor Erschöpfung geheult haben. Deshalb soll man niemanden im Unklaren lassen, was in Prora zu DDR-Zeit passierte.“

Auf dem Weg zum Strand am Block V liegt die sanierte Mehrzweckhalle, in der es künftig Frühstück, Mittag- und Abendessen gibt. Die Halle hat eine schicke Glasfront bekommen. Bei sonnigem Wetter kann sie geöffnet werden. Gleich dahinter soll eine Bühne stehen. Dort sind unter anderem Konzerte geplant, sagt Bullerjahn. „Die Leute kommen nicht, um zu zelten, sondern um etwas zu erleben.“ Das Betongerippe von Block V, aus dem in sechs Reihen leere Fenster aufs Meer glotzen, wird zu einer Jugendherberge umgebaut.

„Viele würden am liebsten warten, bis über Erinnerungen wie meine und dieses Stück DDR-Geschichte Gras gewachsen ist“, sagt Stefan Wolter. In der frisch getünchten Mehrzweckhalle hat er seine Uniform bekommen. „Man muss jüngeren Generationen die Möglichkeit geben, sich an diese Geschichte zu erinnern.“ Zurzeit wird Block V entkernt, vom Fundament bis zum Dach bleiben nur Grundmauern. „Und unser ehemaliger Clubraum“, hofft Wolter. Mitten in den Bauarbeiten hat er erreicht, dass der Raum, in dem er früher Briefe an seine Eltern schrieb, für Bauarbeiter tabu ist. „Ich möchte diesen Ort als Erinnerungsort bewahren.“ Am liebsten mit einer Ausstellung über Bausoldaten.

„Natürlich muss man den Gästen zeigen, welche Geschichte dieser Ort hat“, sagt auch Andrea Bullerjahn. Kooperationspartner wie die von Historikern und Pädagogen betreute Dokumentationseinrichtung „Prora-Zentrum“ hat sie bereits gefunden. „Aber ich möchte auch Erlebnistage, internationale Jugendbegegnungen, Trommelworkshops oder eine Beacholympiade anbieten.“

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