Bürger versetzen ihren Schmuck

Der Stralsunder Goldschmiedemeister Thomas Schulz präsentiert in seinem Geschäft eine Auswahl von aufgekauftem Goldschmuck. Ralph SOmmer
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Der Stralsunder Goldschmiedemeister Thomas Schulz präsentiert in seinem Geschäft eine Auswahl von aufgekauftem Goldschmuck. Ralph SOmmer

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26. August 2010, 10:52 Uhr

Stralsund/Prerow | Die Trennung fällt ihr offensichtlich nicht ganz leicht. Im Laden des Stralsunder Goldschmiedes Thomas Schulz zieht eine ältere Dame ein Kuvert aus der Handtasche und reicht dem Fachmann eine filigran gearbeitete Goldkette. Vor 15 Jahren habe sie das Schmuckstück preiswert in der Türkei erworben, sagt sie. Einige Jahre lang habe sie die Kette ganz gern getragen. Doch jetzt habe sie im Fernsehen von den lukrativen Angeboten beim Goldankauf gehört. Was die Kette denn wohl einbringe, will die Kundin wissen.

Der Experte wirft einen prüfenden Blick auf die angebotene Ware, legt sie auf die Waage und prüft mit einem Säuretest die Legierung. Sein Angebot für die mehr als 50 Gramm schwere Kette, überzeugt die Dame. Der Betrag reiche beinahe schon aus für den Kauf des lang ersehnten Elektrofahrrads, sagt sie und stimmt dem Verkauf zu.

Derartige Geschäfte macht der Stralsunder Obermeister der Goldschmiede-Innung von Ostmecklenburg-Vorpommern in diesen Tagen öfter. Seit der Goldpreis auf dem Weltmarkt steigt, wollen immer mehr Bürger ihre alten Goldreserven zu Geld machen. Täglich kämen ein bis zwei Kunden ins Geschäft, um alten oder kaputten Schmuck und sogar Zahngold zu verkaufen, sagt der 48-jährige Goldschmied. Er zeigt auf ein schwarzes Tablett mit Dutzenden blitzenden Ringen, Kettchen, Anhängern, Verschlüssen und Ösen - die Ausbeute von vier Wochen.

Regelmäßig schickt Schulz die angesammelten, oft mit Fremdlegierungen verschmutzten Edelmetalle dann zu sogenannten Scheideanstalten in Hamburg, Pforzheim und Berlin. Dort werde das Material in einem komplizierten Verfahren eingeschmolzen und anschließend getrennt, sagt der erfahrene Meister, der seit 1990 selbstständig ist und jetzt in Stralsund zwei Schmuckgeschäfte führt. "Den Erlös bekomme ich dann entweder auf meinem Feingoldkonto gutgeschrieben. Oder ich erhalte sauberes, legiertes Feingold in Form von Goldblechen, -röhrchen oder -drähten, aus denen ich dann neuen Schmuck fertige." Zu den Verkaufsschlagern gehörten kleine Schmucknachbildungen des berühmten Hiddenseer Wikingerschatzes, die besonders von Urlaubern gern gekauft würden.

Auch bei Goldschmied Rafael Kupfer, der in Prerow einen 60 Jahre alten Familienbetrieb mit drei Filialen auf dem Darß zum Beispiel filigranen Windflüchter-Schmuck verkauft, boomt der Aufkauf von Gold. Manchmal sei es ein bisschen traurig, wenn sich die Menschen von ihrem liebgewordenem Schmuck trennten, sagt er. "Früher hatte Schmuck mehr ideellen Wert und wurde von Generation zu Generation weitergereicht. Heute wird er oft vorschnell verkauft, nur ein paar Euro wegen."

Kupfer legt Wert auf gute Beratung. Manchmal sei es einfach für den Kunden günstiger, seinen Schmuck im Antiquariat zu verkaufen, sagt er. Kürzlich habe er einem jungen Pärchen, das mit schönem Schmuck von der verstorbenen Großmutter kam, vom Verkauf sogar abgeraten. Drei massive Ringe mit Saphiren und Brillanten wären einfach zu schade für den Schmelztiegel gewesen.

Das große Geschäft machen die etwa 30 Goldschmiede in Mecklenburg-Vorpommern übrigens nicht mit dem Aufkauf. Denn die daraus resultierenden Gewinne würden schnell im Schmuckverkauf wieder aufgebraucht. Im Gegenteil, sagt Innungsmeister Schulz. Der Feingoldpreis sei in den vergangenen sieben Jahren um das Dreifache gestiegen. Folglich müsste die Ware eigentlich deutlich teurer werden. "Aber eine solche Steigerung können wir unmöglich an die Kundschaft weiterreichen", sagt Schulz, der seine Kundschaft mit moderaten Preiserhöhungen bei neuen Kreationen bei Laune zu halten versucht. Goldschmuck, der schon länger in den Verkaufsregalen liege, werde dagegen nicht umgepreist. "So gesehen kann man heutzutage beim Goldschmied auch richtige Schnäppchen machen!"

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