Brandenburgische Sommerkonzerte erstmals in Wittenberge

Hiko Iizuka spielte die größte – die Subkontrabassflöte. Foto: Hanno Taufenbach
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Hiko Iizuka spielte die größte – die Subkontrabassflöte. Foto: Hanno Taufenbach

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17. August 2008, 05:38 Uhr

Wittenberge - Einfach unglaublich was auf der Bühne in der evangelischen Stadtkirche Wittenberge geschieht. Dort stehen 14 Musiker, sie alle spielen Flöte und entfalten einen Klangzauber, der die Ohren der Gäste verzückt. Das dies kein alltägliches Flötenensemble ist, sieht selbst der größte Musikmuffel. Zu seltsam mutet die Subkontrabassflöte in C mit ihrer Gesamtlänge von 5,12 Meter an. Der Musikfreund versinkt in einem Meer aus Klangfarben, die die Profimusiker ihren Instrumenten entlocken, deren Spektrum sieben Oktaven abdeckt.

Einzigartig – was die Brandenburgischen Sommerkonzerte 2008 in die Elbestadt holen. Die Ouvertüre zu Mozarts „Die Hochzeit des Figaro“ oder Bernsteins „Amerika“ aus der West Side Story“, zwischendurch Bach und Ravel. Lateinamerikanische Rhythmen, gefolgt von der Pink Panther Suite aus dem gleichnamigen amerikanischen Spielfilm.

Piccoflöte in Höchstform
Noch Fragen zum Repertoire? Ach ja, Siegfried Matthus, künstlerischer Leiter der Kammeroper Schloss Rheinsberg, komponierte „Des Meeres und der Flöten Wellen“ eigens für dieses Ensemble – die einzige Originalkomposition in diesem Konzert. Als wollte Matthus die 28 Lungenflügel herausfordern, schöpft er das ganze Klangspektrum der Flötisten aus.

Dumpf wie aus der Tiefe des stillen Meeres dringen Töne der Bassflöten an die Oberfläche, erklimmen höchste Wellenkämme an deren Spitze die winzige Piccoloflöte zur Höchstform aufläuft, zeigt, welche Kraft in ihr steckt. So plötzlich wie der Sturm losbrach, verliert die Brandung ihre Kraft, beenden die Musiker den Spannungsbogen an seinem Ursprung.

„Ich bin überwältigt, wann hört man schon mal 14 Flötisten“, gesteht Dr. Ulrich Köstlin. Der stellvertretende Vorsitzende des Vereins Brandenburgische Sommerkonzerte hat schon viele Musikhöhepunkte besucht, aber dieser sei wirklich ein ganz besonderer gewesen.

Mehr als 700 Gäste kamen allein aus Berlin angereist. „Gut die Hälfte von ihnen, um Wittenberge kennen zu lernen“, schätzt Köstlin aus seiner Erfahrung, denn Ziel dieser jährlichen Konzertreihe sei es, Großstädter aufs Land zu locken. Er selbst nutzte ebenfalls die Chance zu einer kleinen Altstadtbesichtigung. „Ich weiß, dass Wittenberge es durch den Verlust der Industriebetriebe nicht leicht hat, aber ich bin beeindruckt, wie gepflegt die Stadt aussieht, wie viele Fassaden saniert sind.“

Als Einzigartig bezeichnet Ulrich Köstlin den Blick über die Elbaue. „Diesen vergisst man nicht, ich möchte gerne noch einmal in die Stadt kommen.“ Und das vielleicht nicht nur in seiner Funktion als Vereinsmitglied, sondern als Vorstandsmitglied der Bayer Schering AG. Auf Nachfrage schloss Köstlin nicht aus, dass sein Pharmakonzern die Elbestadt als Standort für eine Veranstaltung auswählen könnte.

Erstmals in die Prignitz kam auch Jürgen Hogrefe, Generalbevollmächtigter der EnBW Baden-Württemberg AG. Der frühere Spiegel-Redakteur und Nahostkorrespondent in Jerusalem interessiert sich für das Konzept der Sommerkonzerte. Berlin sei zwar eine wahre Kulturmetropole, „wir leiden dort gewiss nicht unter Kulturmangel“, sagt er über seinen derzeitigen Wohnort. „Aber Kultur gehört auch aufs Land.“

Picknick in Abendgarderobe
Er kenne so ein Beispiel aus Südengland. In Glyndebourne bei Sussex gründete 1934 ein Landbesitzer ein Opernfestival, vergleichbar mit den Festspielen in Salzburg oder Bayreuth. Inmitten der ländlichen Idylle wird dort nicht nur Mozart gespielt, sondern picknicken die Herrschaften in Abendgarderobe mit Wrack und Zylinder.

Hogrefe liebt Musik und nicht nur die Klassik. Es dürfe auch mal Country oder Hip-Hop sein, verrät er. „Hauptsache sie ist gut, das heißt, die Musik muss die Menschen erreichen.“In Wittenberge sei das der Fall gewesen, sagt Arno Reckers, Geschäftsführer des Vereins.

Überhaupt zeigt er sich begeistert über die Spielstätte. In ihrer 18. Saison kamen die Sommerkonzerte erstmals nach Wittenberge. „Das Engagement des hiesigen Freundeskreises und der Kirchengemeinde gaben den Ausschlag“, so Reckers und verspricht: „Wir kommen wieder.“

Nicht nur, weil die Zahl der Gäste sehr hoch war, allein an der Abendkasse wurden nochmals etwa 100 Karten verkauft, sondern „weil die Kirchengemeinde so unglaublich engagiert ist“. Das sei nicht nicht übberall der Fall, zeige aber, wie willkommen man hier sei.

In der Tat wuchs die Kirchengemeinde über sich hinaus, beköstigte im Verlauf des Nachmittags an der Kaffeetafel die rund 700 Gäste. Niemand hat am Ende gezählt, wie viele Kuchen am Freitag tatsächlich gebacken wurden. Es waren Berge. Zehn Kaffeemaschinen zu je 100 Tassen waren im Einsatz, auf Stühlen standen weitere, haushaltsübliche Maschinen.

Birgit Geyer ist an diesem Tag nicht die einzige Frau mit Spülhänden. Pausenlos bringen Helfer wie Martina Herms schmutziges Geschirr zu den verschiedenen Abwaschorten – einer allein hätte nie ausgereicht.

Abtrocknen am Fließband
Geduldig wie am Fließband trocknet Inge Riedel ab, findet Zeit zum Scherzen und Lachen, während die trockenen Handtücher langsam Mangelware werden. Es ist ein Arbeiten Hand in Hand, meint Inge Riedel und sagt zu Rosemarie Klabuhn: „Du bist heute die Kaffeebohne“. Alle lachen, blicken auf den abnehmenden Berg der Kaffeepfunde. Besorgt fragt jemand: „Wie lange hat der Supermarkt offen.“ Bis 20 Uhr. Entwarnung, notfalls kann Nachschub geholt werden.

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