Borstenvieh spielt wilde Sau

Von einem Rasen ist nicht mehr viel zu erkennen – Estha Bandura  ist verzweifelt, weil Wildschweine wilde Saus spielen. Fotos: Steffen Oldörp/Christoph Völzer
Von einem Rasen ist nicht mehr viel zu erkennen – Estha Bandura ist verzweifelt, weil Wildschweine wilde Saus spielen. Fotos: Steffen Oldörp/Christoph Völzer

Wildschweine bringen eine Frau bei Schönberg seit sechs Wochen um den Schlaf. Denn die Borstenviecher fühlen sich auf ihrem Grundstück sauwohl. Sie zerstören Zäune und sorgen für Lärm. Die Frau ist verzweifelt.

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19. November 2008, 07:56 Uhr

Nordwestmecklenburg | Von einem Rasen ist nicht mehr viel zu erkennen. Fast alle Grasnarben sind umgewühlt. Auch der Zaun ist zerstört und Gartenmöbel liegen herum. Ein Anblick, der Estha Bandura zur Verzweiflung bringt.

Wildschweine haben auf ihrem 5000 Quadratmeter großen Grundstück in Malzow bei Schönberg einen enormen Schaden angerichtet. "Wir können nachts nicht schlafen. Ich bin total verzweifelt und weiß nicht mehr, was ich noch tun soll", sagt Bandura.

Seit sechs Wochen bringen die Wildschweine sie um den Schlaf. Bei Jägern, der Polizei, Feuerwehr, ja sogar beim Landkreis hat sie angerufen. Bislang ohne Erfolg. "Ich könnte heulen", sagt sie verzweifelt.

Die Situation von Esta Bandura ist kein Einzelfall. Auch andere Leute beklagen Wildschäden. Dr. Karl-Günter Guiard zum Beispiel. Er ist Vorsitzender des "Ökologischen Jagdvereins" und fordert, dass nicht nur Wildschweine, sondern auch Rehe und Hirsche verstärkt bejagt werden. Er will so vor allem die Wälder schützen. "Rehe, Rot- und Damwild in unnatürlich hohen Dichten behindern eine natürlich Verjüngung des Waldes durch den Verbiss junger Bäume", sagt Guiard. Er spricht sogar von einer Explosion der Wildschweinbestände.

Das bestreitet Rüdiger Lemke. Der Kreisjägermeister in Nordwestmecklenburg sieht keinen Grund dafür, mehr Tiere zu schießen. "Wir haben nicht mehr Verkehrsunfälle mit Wild als in den vergangenen Jahren. Im Gegenteil. Es gibt sogar ein paar weniger. Und wir haben auch weniger Wildschäden auf den Feldern." Das sei ein Zeichen dafür, dass nicht mehr so viele Wildschweine da sind.

Für Lemke ist die Situation zurzeit "ein wenig Panikmache." Denn auch die Drückjagden, die seit Anfang November laufen, bestätigten, dass es in diesem Herbst nicht mehr Wild gibt als sonst auch. "Die Strecken, die dort liegen, sind gleich oder kleiner als in den Vorjahren. Das ist ein Zeichen, dass das Wild doch nicht Überhand genommen hat."

Bei der Polizei gibt es ebenfalls keinen Grund zur Panik. "Es gibt nicht mehr Unfälle mit Wild als sonst. Dass im Herbst immer mehr Unfälle mit Wildschweinen oder Rehen passieren, ist normal. Das ist aber saisonbedingt", sagt Steffi Nietz, Pressesprecherin der Polizeidirektion Schwerin. Ein Viertel aller Verkehrsunfälle im Herbst im ländlichen Bereich hätten etwas mit Wild zu tun.

Selbstverständlich, sagt Lemke, gebe es Reviere, in denen viele Wildschweine herumlaufen. Vor allem dort, wo es Eichen oder Buchen gibt. "Wenn es dort

etwas Nettes zu naschen gibt, sind sie natürlich lieber dort als auf den Äckern." Vor allem die Eichen, die in diesem Jahr viele Früchte tragen, bewegten die Wildschweine zum Wandern. Dadurch würden die Tiere mehr gesehen und gehen häufiger über die Straßen. "Das kann der Grund dafür sein, weshalb der Eindruck entsteht, es gibt mehr Wild. Doch das ist tatsächlich nicht der Fall", sagt Rüdiger Lemke.

"Wir müssen verstärkt bei den Bachen eingreifen"Letztendlich, so Hermann Kielhorn, Leiter des Hegerings Lüdersdorf, sei jeder Jagdpächter selbst dafür verantwortlich, wie viel Wild in seinem Revier herumläuft. Was stimmen muss, sagt Kielhorn, sei die Anzahl der geschossenen Tiere.

Die werde kontrolliert. Und zwar anhand einer so genannten Trophäenschau bei den männlichen Tieren. In seinem 1 000 Hektar großen Revier stimme die Quote, betont Kielhorn. Er widerspricht Rüdiger Lemke aber ein wenig und meint, dass es insgesamt zwar nicht mehr Wild, aber das eine oder andere Wildschwein zu viel gebe. Gründe dafür seien die warmen Winter und der zunehmende Anbau von Raps und Mais. Dort fänden die Wildschweine gute Deckung. Für die Jäger sei es dort im Frühjahr und Sommer zudem schwer, die Tiere zu dezimieren. Erst jetzt, wenn die Felder geerntet sind, werde es einfacher. Kielhorn sagt: "Wir müssen verstärkt bei den Bachen eingreifen." Denn die jungen, weiblichen Wildschweine seien im nächsten Jahr schon geschlechtsreif und würden so weiter dazu beitragen, dass es Frischlinge gibt.

Für die Landwirte könnte das dann genauso ein Problem werden wie es für Estha Bandura schon jetzt ist. Doch im Gegenteil zu den Bauern, hilft ihr niemand. Zumindest nicht finanziell. Denn Landwirte bekommen ihre Schäden durch Wildschweine ersetzt. In MV gibt es als einziges Bundesland eine so genannte Wildschadensausgleichskasse. In die zahlen alle Jäger ein, um so für entstandene Schäden aufzukommen. Für Estha Bandura ein schwacher Trost. Sie hat sogar versucht, die Wildschweine mit der Fernbedienung ihres Autos zu verschrecken. Doch auch das half nur zwei Tage. Dann hatten sich die Tiere daran gewöhnt.

Ihre letzte Hoffnung ist nun eine Ausnahmegenehmigung vom Landkreis. Die gibt es für "befriedete Grundstücke", heißt es im Jägerlatein. Mit der dürfen Wildschweine also auch auf eingezäunten Privatgrundstücken geschossen werden. "Das", so Jäger Andreas Markschiess aus Malzow, "ist jedoch heikel." Estha Badura würde diese Gefahr jedoch in Kauf nehmen, damit sie endlich wieder ruhig schlafen kann.

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