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Rostock: Stasi-Akten - Fluchtschicksale an DDR-Staatsgrenze : Boots-Flucht in den Westen

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Den 20-jährigen Sachsen verließen die Nerven. Als er in der Nacht zum 27. Juni 1989 in Gägelow bei Wismar von der Volkspolizei gestoppt und durchsucht wird, gesteht er seine Fluchtabsicht.

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erstellt am 25.Jul.2011 | 11:11 Uhr

Den 20-jährigen Sachsen verließen die Nerven. Als er in der Nacht zum 27. Juni 1989 in Gägelow bei Wismar von der Volkspolizei gestoppt und durchsucht wird, gesteht er seine Fluchtabsicht. Im Kofferraum seines Skodas finden die Polizisten einen ungewöhnlichen Schwimmkörper, den der Karosserieschlosser aus Auerbach bei Zwickau für seine Flucht von Boltenhagen über die Ostsee gebastelt hatte: Einen Autoschlauch als Auftriebskörper für die Batterie und den Moskwitsch-Gebläsemotor, der ihn über die Lübecker Bucht ziehen sollte. Stattdessen landet der junge Mann nun in einer Rostocker Stasi-Zelle.

Sein Schicksal teilten mehr als 4500 DDR-Bürger, die seit dem Mauerbau vor 50 Jahren, teilweise mit ausgeklügelten Konstruktionen und abenteuerlichen Plänen, über die Ostsee in die Freiheit strebten. Nur rund 900 Menschen gelang die Flucht, wie neueste Recherchen der Stasi-Unterlagenbehörde in Rostock belegen. Etwa 180 fanden den Tod an einer der seinerzeit am schärfsten bewachten Seegrenzen der Welt.

"Noch immer finden wir Hinweise auf neue Fluchtfälle", sagt Behördenchef Volker Höffer. Viele würden wohl für immer ungeklärt bleiben. Auf dem Friedhof in Kopenhagen erinnerten anonyme Gräber an DDR-Bürger, deren nicht identifizierte Leichen aus dänischen Gewässern geborgen wurden.

Nach dem 13. August 1961 habe sich der Eiserne Vorhang an der Nordfront erst mit einigen Monaten Verzögerung endgültig geschlossen, sagt der Historiker. "Bis zum Herbst durften DDR-Bürger noch mit den Fähren nach Dänemark und Schweden übersetzen, dort allerdings nicht mehr an Land gehen." Bei verzweifelten Versuchen, in Trelleborg von den Fähren zu springen, verletzten sich etwa 20 Menschen, ein 27-jähriger Leipziger stürzte zwischen Kai und Bordwand und starb. Es waren die ersten Fluchtopfer an der DDR-Seegrenze.

Die Schließung der Ostseegrenze bereitet der DDR-Führung anfangs viel Kopfzerbrechen, wie Stasi-Unterlagen belegen. Ein Mauerbau wie in Berlin und an der innerdeutschen Grenze verbot sich. Mit jährlich bis zu 13,5 Millionen Gästen galt die 1945 Kilometer lange Bodden-, Haff- und Außenküste als unverzichtbares Urlaubsgebiet der Ostdeutschen. Nur im äußersten Westen, wo die kurze Distanz Aussicht auf Fluchterfolg verhieß, ließ man westlich von Boltenhagen bis nach Pötenitz/Priwall auf rund 20 Kilometer Küstenlinie Sperranlagen mit 8 Beobachtungstürmen errichten.

Für den Rest der Küste entschied sich die Staatssicherheit für ein ausgeklügeltes und tief gestaffeltes Überwachungssystem. "Ein Faltboot erregte schon auf grenznahen Bahnhöfen Verdacht", sagt Höffer. Zeitweise sei auf der Ostsee sogar das Baden mit Luftmatratze verboten gewesen. Eine weitere Kette der Überwachung bildeten Grenzaktive der Küstenstädte. Zudem spielten auch zahlreiche staatsnahe Bürger in vorauseilendem Gehorsam als Spitzel den Behörden zu.

Mit dem Wendeherbst 1989 wurde auch die Seegrenze für Ost- und Westdeutsche wieder durchlässig. Im Sommer 1990 steuerten begeisterte westdeutsche Skipper ihre Sportboote in die einzigartigen Segelreviere vor der DDR-Küste.

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