Bombodrom: Zukunft ungewiss

<strong>Rückblick - 9. Juli 2009:</strong> Nach dem erklärten Aus eines geplanten Luft-Boden-Schießplatzes in der Kyritz-Ruppiner Heide feierten Anwohner vor einem Jahr ausgelassen.<foto>geru</foto>
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Rückblick - 9. Juli 2009: Nach dem erklärten Aus eines geplanten Luft-Boden-Schießplatzes in der Kyritz-Ruppiner Heide feierten Anwohner vor einem Jahr ausgelassen.geru

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08. Juli 2010, 10:12 Uhr

Wittstock | Am 9. Juli 2009 um 13.15 Uhr lief die erste kurze Eilmeldung über den Ticker der Nachrichtenagenturen: "Die Bundeswehr verzichtet auf die militärische Nutzung der Kyritz-Ruppiner Heide." Heute vor genau einem Jahr gab der damalige Bundesverteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) das bekannt, worauf viele Anwohner, Unternehmer, Politiker der Region im Nordwesten Brandenburgs und Süden Mecklenburg-Vorpommerns gut 17 Jahre lang gewartet hatten.

Nach diesem Verzicht auf das Areal als Luft-Boden-Schießplatz gab die Bundeswehr im April 2010 auch alle weiteren militärischen Ansprüche auf das so genannte Bombodrom auf. Damit war der Weg endgültig frei für eine friedliche Nutzung des Heidegebietes bei Wittstock. Der "Prignitzer" wollte zum Jahrestag von Jungs Ankündigung wissen, was sich seither getan hat und wie sich das Gelände in Zukunft entwickeln soll.

Noch immer bekommt Pfarrer Benedikt Schirge von der Bürgerinitiative Freie Heide eine Gänsehaut, wenn er an den 9. Juli vergangenen Jahres denkt. "Das war der Tag, auf den wir seit 17 Jahren hingearbeitet haben", sagt Schirge rückblickend. Spontan versammelten sich am späten Nachmittag jenes denkwürdigen Tages in Fretzdorf bei Wittstock 250 Bombodrom-Gegner. Sie lagen sich bei dem John-Lennon-Lied "Give Peace a Chance" in den Armen. Sektkorken knallten.

Ein Jahr danach werden sich am heutigen Nachmittag die Aktivisten wieder in Fretzdorf treffen. "Der Künstler Jan Witte-Kropius hat einen Friedensengel geschaffen, den wir jetzt als Erinnerung an diesen denkwürdigen Tag hier aufstellen wollen", erklärt Schirge. Anschließend soll gefeiert und über die Zukunft der Kyritz-Ruppiner Heide diskutiert werden. Ruhe und Beschaulichkeit sind zwar vordergründig ins Ruppiner Land eingezogen. Hinter den Kulissen glühen jedoch die Telefondrähte. Es geht darum, was aus dem 14 000 Hektar großen Areal werden soll. Die einen möchten, dass das Gelände der Natur überlassen wird. Andere favorisieren eine naturnahe, aber touristische Nutzung. Auch die Erzeugung von regenerativer Energie soll in der Heide eine Rolle spielen. Wieder andere wollen, dass das Bombodrom in nationales Naturerbe übergeht.

Grundvoraussetzung für all diese Pläne ist, dass der mit rund 56 000 Tonnen Munition durchsetzte Ex-Truppenübungsplatz beräumt wird. "Das Ganze braucht seine Zeit", betont der frühere OPR-Landrat Christian Gilde, der heute als Vorsitzender der kommunalen Arbeitsgemeinschaft Kyritz-Ruppiner Heide fungiert. Ende vergangenen Jahres hatte sich der Zusammenschluss aus Anliegerkommunen, dem Landkreis Ostprignitz-Ruppin sowie den Initiativen Freie Heide, Pro Heide und Freier Himmel gegründet. "So können wir gemeinsam an einem Strang ziehen, um aktiv die Zukunft der Heide mitzugestalten", sagt Gilde.

Wer beseitigt die Munition?

Aktuell bereitet die Bundeswehr den Eigentumsübertrag für das Gelände an die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BimA) vor. Intern, so heißt es aus Armeekreisen, werden eifrig diskutiert - unter anderem darüber, ob das Militär das Areal von der Munition beräumen muss. "An diesen Verhandlungen sind wir nicht beteiligt. Jedoch hat die BimA angekündigt, sich mit uns dazu an einen Tisch setzen zu wollen, wie die Heide weiterentwickelt werden soll", berichtet Gilde. Nach ersten Bekundungen der BimA soll die Kyritz-Ruppiner Heide keinem "Privatisierungsmarathon" unterzogen werden. Das heißt, dass es keine einzelnen Waldverkäufe oder Verpachtungen von Jagdrevieren geben soll. Professor Klaus Günther von Pro Heide mahnt jedoch zur Aufmerksamkeit: "Die BimA hat dies zwar so angekündigt. Jedoch ist der Bundesfinanzminister oberster BimA-Chef und wenn der Geld sehen will, dann könnte doch privatisiert werden", so Günther.

Milde Worte zur nun freien Heide fand gestern Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) auf seiner Sommerfahrt in die Region, mit der er für den Tourismus in der Mark werben wollte. "80 Prozent der Hoffnungen, die mit der zivilen Nutzung der Heide verbunden waren, haben sich erfüllt", so der Regierungschef. Es sei verhindert worden, dass sich über der Region "ein Lärmteppich ausbreitet". Damit hätten die Investoren in der Tourismusbranche nun langfristig Sicherheit.

Ob die nach dem Bundeswehrverzicht erhofften und jahrelang gestoppten Investitionen auch eingetreten sind, konnte der mitgereiste Tourismusreferatsleiter im Wirtschaftsministerium, Martin Linse, nicht genau sagen. "Die Unternehmen berichten uns aber, dass sie von den Banken bessere Ratingwerte bekommen" - und damit auch leichter Kredite erhalten.

Immerhin 66 Millionen Euro sind laut Linse in Rheinsberg am Rande der Kyritz-Ruppiner Heide in den Tourismus investiert worden, alle 60 Millionen Euro in den gewerblichen Bereich. Allein vergangenes Jahr wurden 350 000 Übernachtung in Rheinsberger Unterkünften mit mehr als acht Betten und 600 000 Tagesausflügler gezählt. Das dürfte wenig mit dem Aus der Militärpläne zu tun gehabt haben, ist für die Region aber dennoch ein Lichtblick.

Übrigens grüßte pünktlich zum einjährigen Jubiläum des Bombodromverzichts auch die Luftwaffe den Ministerpräsidenten gestern. Als Platzeck an der Bord eines Ausflugsdampfers ging, donnerten zwei Kampfflieger über den strahlend blauen Himmel. Rheinsbergs Bürgermeister Jan-Pieter Rau (CDU) kommentierte trocken: "Wir haben manchmal den Eindruck, die wollen uns noch ein bisschen ärgern."

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