Bohrtürme in Hinrichshagen

Erdöl und Erdgas aus Mecklenburg-Vorpommern? Kein Scherz! Nach den deutschen Stromunternehmen E.on und Ewe plant auch der russische Energiekonzern Gazprom den Bau unterirdischer Speicher. Bei Waren entsteht der größte Erdgasspeicher Europas. Die deutsche Konzerntochter Germania startete gestern eine erste Tiefenbohrung. In neun Lagerstätten in Vorpommern wartet zudem das schwarze Gold auf seine Förderung. Pumpen holen auf Usedom bereits das Öl aus einer Tiefe von 2,6 Kilometern.

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03. Juni 2008, 08:45 Uhr

Waren - Die Baustelle am Rande der Mecklenburgischen Schweiz ist nur für Raubvögel und Eingeweihte zu finden, trotzdem könnten auch in Deutschland bald Tausende Haushalte davon profitieren. Die Rede ist von einem gigantischen unterirdischen Erdgaslager, das der russische Gaskonzern Gazprom plant. Gestern begannen bei Hinrichshagen (Müritzkreis) die Bohrungen für die entscheidenden Erkundungen in der porösen Sandsteinschicht, die ab 2011 russisches Erdgas aus der Ostseepipeline Nord Stream aufnehmen soll.

Drei Bohrungen in mehr als 700 Meter Tiefe
„Ob der Ausbau für rund 400 Millionen Euro kommt, wird Anfang 2009 entschieden“, erklärt der Projektleiter beim Tochterunternehmen Gazprom Germania GmbH (Berlin), Maik Mattheis, der Warener Landrätin Bettina Paetsch (CDU), die sich in Stöckelschuhen auf die staubige Baustelle unter die wartenden Journalisten gemischt hat. Leitender Bohringenieur ist Marcel Preißler. Der 31-jährige Dresdner hat an der Bergakademie Freiberg studiert und arbeitet für die im Untergrundspeicherbau bekannte Firma UGS Mittenwalde. „Hinrichshagen ist meine dritte eigene Bohrstelle“, sagt Preißler, der vorher auch schon in Möckow in Vorpommern für die Mittenwalder im Salzstock bohrte.

In Hinrichshagen sollen bis Jahresende drei Bohrungen in mehr als 700 Meter Tiefe gebracht werden. „Das erste Stück wird 20 Meter, danach 150 und danach 625 Meter tief“, erklärt Preißler. Von oben nach unten verjüngt sich der Querschnitt - „wie bei einem umgedrehten Fernrohr“ – von 660 Millimeter auf zuletzt 220 Millimeter Durchmesser.

Ferienwohnungen mit Bauarbeitern belegt
Seit drei Monaten rollen die schweren Fahrzeuge über die schmale Straße zwischen Ulrichshusen und Hinrichshagen sowie einen Feldweg bis zur Baustelle. Tonnenweise Splitt, Beton und Asphalt wurden verbaut, damit die rund 30 Meter hohe Bohrkonstruktion samt den Anbauten und Ausrüstungen sicher steht. Ein mehr als drei Meter hoher Erddamm umschließt die Baustelle teilweise, aus mehreren Kilometern Entfernung ist lediglich der Bohrturm zu sehen. „In der Gemeinde gibt es kaum Bedenken, bisher ist alles ruhig“, sagt Bürgermeister Andreas Prestin unserer Zeitung. Einige Straßen haben schon ein bisschen leiden müssen, aber Gazprom habe versprochen, hinterher alles wieder zu reparieren.
171 Einwohner hat Hinrichshagen, zu dem noch die Ortsteile Levenstorf und Forsthof gehören. „In Hinrichshagen selbst sind es wohl nur rund 50 Leute“, sagt Prestin. Gegenwärtig dürften es ein paar mehr sein: Die Ferienwohnungen sind zum Teil mit Bauarbeitern belegt, auf manchen der großen gepflegten Bauerngehöfte stehen Wohnwagen. „Bohrleute sind wie Tunnelbauer – die ziehen immer weiter und sind am liebsten mobil“, erklärt Mattheis.

Die Landrätin, wie auch Prestin, hoffen auf den Ausbau des Lagers. „Wir können nicht nur auf Tourismus setzen“, meint Paetsch, auch wenn sie diesen auf keinen Fall durch irgendwelche Ergasunwägbarkeiten gefährdet sehen wolle. In Hinrichshagen selbst würden bei einem Ausbau bis zu 250 Bauleute gleichzeitig tätig werden, heißt es bei Gazprom. Es wäre der erste eigene und dann gleich ein riesiger Speicher der Gazprom-Tochter in Deutschland. Bisher nutze man die Speicher anderer Unternehmen mit.

„Es sind ja nicht nur die 5 Milliarden Kubikmeter Gas, die weiterverwendet werden sollen“, sagt Mattheis. Für die Einlagerung, bei der das Gas unter Druck in den Sandstein gepresst würde und damit das dort befindliche Wasser verdrängt, bräuchte man noch einmal rund fünf Milliarden Kubikmeter Gas als „Kissen“ zwischen Wasser und der nutzbaren Gasreserve. „Aber auch davon können wir das Gros danach noch nutzen“, sagt der Manager. Der Optimismus der Berliner Gazprom-Leute beruht auf Erkundungen, die schon in der 1970er Jahren in der DDR liefen. „Das soll jetzt noch verfeinert werden“, sagt Mattheis. Zu den 20 Millionen Euro teuren Erkundungen gehören auch umfangreiche seismologische Tests, unter anderem Rüttler, deren Schwingungen gemessen werden, sowie mit Extrabohrungen und Sprengstoff. Daraus soll sich ein exaktes dreidimensionales Bild ergeben – „wie im 3-D-Kino“, sagt Mattheis.

Dorfbewohner hoffen auf günstige Erdgasversorgung
Bürgermeister Prestin hat unterdessen andere Sorgen. Gazprom Germania hat den Hinrichshagenern angeboten, ihren Kostenanteil beim Ausbau einer alten, maroden Betonstraße nach Vielist zu übernehmen. „Jetzt haben aber die Grünen was dagegen, weil dort ein Schreiadler brüten soll“, sagt Prestin. Mit denen will er nochmal reden. Falls das mit der Straße nicht klappt, wäre da noch die Erdgasversorgung – möglichst preiswert – der Dörfler selbst, die noch keine haben. „Eine Fußballmannschaft wie Schalke haben wir jedenfalls nicht“, sagt Prestin.

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