"Bloß raus hier"

Polizeibeamte aus Wismar vor dem Eingang des Heimes.
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Polizeibeamte aus Wismar vor dem Eingang des Heimes.

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15. April 2009, 07:08 Uhr

Warin | Ein leichter Brandgeruch liegt noch immer in der Luft. Fassungslos stehen Menschen vor dem Wohnheim der Volkssolidarität in der Brüeler Straße, in dem sich in der Nacht die dramatischen Szenen abgespielt hatten. Das Heim in Warin soll Menschen sozial auffangen, die auf dem Weg nach ganz unten sind. Die meisten der insgesamt 44 Bewohner sind arbeitslos, einige von ihnen suchtkrank. Für zwei Bewohner wurde das Haus, das ihnen Halt geben sollte, zur Todesfalle.

Eine Frau, sie wohnt ebenfalls in dem Heimkomplex im Nachbargebäude, will von der schrecklichen Nacht erzählen. Sie habe so eine komische Ahnung gehabt, sagt sie. "Kurz vor Mitternacht lief mein Hund aufgeregt durch die Stube. Tiere spüren die Gefahr." Eine halbe Stunde später hätten die Flammen aus dem Dachstuhl geschlagen.

Ein Heimbewohner neben der Frau berichtet von seinen Erlebnissen: "Ich hatte geschlafen und von dem Feuer erst nichts mitbekommen, als plötzlich Leute an meine Tür schlugen und brüllten ,bloß raus hier." Er habe Angst um sein Leben gehabt, erzählt er noch zitternd.

Nur vier Minuten bis zum BrandortDas Feuer war in einer Wohnung im Dachgeschoss des Heimes ausgebrochen. Punkt 0.24 Uhr ging der Notruf bei der Polizei ein, steht im Protokoll. 0.32 Uhr alarmierte die Leitstelle die Feuerwehren. "Nur vier Minuten später sind die ersten Retter am Brandort gewesen", berichtet der Leiter des zuständigen Wismarer Kriminalkommissariats, Peter Gädcke. So hätte verhindert werden können, dass das Feuer auf das Nachbargebäude übergreifen konnte.

Wehrführer Timo Untrieser war mit seinen elf Kameraden der Wariner Feuerwehr zuerst am Brandort. Schon auf dem Weg zum Heim forderte er Verstärkung an. Insgesamt rangen 46 Kameraden aus vier Wehren mit dem Feuer.

"Als wir ankamen, brannte es bereits quer durch den Dachstuhl", sagt Feuerwehrmann Hannes Limbach. Er kämpfte sich zusammen mit Stephan Buchs in Atemschutzmasken in das Obergeschoss des brennenden Gebäudes. "Nur fünf Minuten später und alles hätte in Flammen gestanden", sagt der Feuerwehrmann.

Christian Fust und Frank Wehr kletterten über die Drehleiter zu den Fenstern. Sie und weitere Feuerwehrleute halfen fünf Menschen über die Leiter aus dem brennenden Haus. Bewohner aus den darunter liegenden Etagen erreichen aus eigener Kraft das Freie. Insgesamt konnten 40 Menschen ohne nennenswerte Verletzungen aus dem brennenden Haus und dem Nebenhaus gerettet werden.

Für zwei Männer - einen 46- und einen 42-Jährigen - kommt in dieser Nacht aber jede Hilfe zu spät. Den einen Mann fanden die Kameraden tot im Flur. In seiner Wohnung war offenbar das Feuer ausgebrochen. Den anderen konnten sie noch lebend aus einer Wohnung auf der anderen Seite des Giebels bergen. Er verstirbt im Rettungswagen.

Eine 38-jährige Frau und ein 31-jähriger Mann kamen mit Rauchvergiftungen ins Krankenhaus. Sie waren gestern Mittag bereits wieder außer Lebensgefahr und konnten von der Polizei vernommen werden.

Die Beamten erhoffen sich von den Vernehmungen Anhaltspunkte für die mögliche Brandursache. Ein lautes Geräusch - ein Scheppern oder einen Knall - hätten einige Bewohner des Sozialhauses nach eigenen Angaben gehört. Eine Explosion als Auslöser des Feuers ist nach Ansicht des Kriminalisten Gädcke eher eine gewagte Spekulation. "Auch durch den Brand abstürzende Dachziegel verursachen ein lautes Geräusch."

Ein Brandsachverständiger im grünen Overal sucht in der Asche des Dachgeschosses nach Spuren. Die Ermittlungen in alle Richtungen dauern an. "Von fahrlässiger Brandstiftung bis zum technischer Defekt, wir schließen nichts aus", sagt Polizeisprecher Klaus Wiechmann. Für ein Gewaltverbrechen gebe es bisher keine Hinweise.

Keine Angaben über materiellen SchadenEiner der beim Brand ums Leben gekommenen Männer soll am Abend noch erhebliche Mengen Alkohol zu sich genommen haben, berichten Anwohner. Ob er vielleicht mit einer brennenden Zigarette einschlief und so das Feuer auslöste, ist Spekulation.

Für einen Teil der Menschen im Sozialhaus ist gestern ein wenig Normalität zurückgekehrt. Denn die 20 Bewohner des unbeschädigten ersten Hauses konnten in ihre Wohnungen zurückkehren.

Das Haus mit dem ausgebrannten Dachstuhl ist dagegen auf lange Sicht unbewohnbar. "Wann es wieder bezogen werden kann, wissen wir nicht", sagt Barbara Schäfer, stellvertretende Geschäftsführerin der Volkssolidariät Mecklenburg-Mitte. Auch über den Schaden, der durch Feuer und Löschwasser entstand, könne sie noch keine Angaben machen. Barbara Schäfer freut sich über die Hilfsbereitschaft, die gestern nach dem Feuer von Firmen der Region für die Brandopfer angeboten wurde. Die Hilfsangebote reichen von Matratzen bis zu Bekleidung. Auch Sozialministerin Manuela Schwesig und Landrätin Birgit Hesse (beide SPD) waren vor Ort. "Ich will mir selbst ein Bild von der Situation machen und sehen, wo Hilfe gebraucht wird", so die Ministerin.

Die 20 Bewohner des zerstörten Hauses finden im ehemaligen Hotel der Volkssoldarität in Brüel ein vorübergehendes Zuhause. "Es ist aber nur eine Übergangslösung", sagt die stellvertretende Geschäftsführerin. Seelische Unterstützung bekommen die Geretteten vom Psychologischen Dienst der Volkssolidarität. Einige der Heimbewohner könnten noch gar nicht fassen, was da in der Nacht über sie hereingebrochen ist, meint Frau Schäfer.

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