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Umweltminister Till Backhaus (SPD) spielt auf Zeit : Bleigeschosse doppelt gefährlich

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Weil Reste von bleihaltiger Jagdmunition immer wieder geschützte Seeadler vergiften, fordern Natur- und Tierschütz seit Jahren deren Verbot. Eine neue Studie gibt ihrer Ansicht nach grünes Licht für bleifreie Geschosse.

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erstellt am 26.Jul.2011 | 05:22 Uhr

Schwerin | Weil Reste von bleihaltiger Jagdmunition immer wieder geschützte Seeadler vergiften, fordern Natur- und Tierschütz seit Jahren deren Verbot. Eine neue Studie gibt ihrer Ansicht nach grünes Licht für bleifreie Geschosse. Trotzdem sträubt sich Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus (SPD) weiterhin, die bleihaltige Jagd zu verbieten.

Allein im Müritz-Nationalpark waren in den vergangenen Jahren 60 Prozent der tot aufgefundenen Seeadler an einer Bleivergiftung gestorben. 16 von 26 der imposanten Vögel waren qualvoll verendet. Sie hatten offenbar den so genannten Aufbruch gefressen, den Jäger von erlegtem Wild zurückgelassen hatten. Oder sie machten sich im Winter über das Aas her, wenn angeschossene Tiere flüchteten und verendeten, ohne dass der Schützer es finden konnte. Von der Magensäuren aufgelöst, verteilte sich tödliche Bleipartikel aus dem Schusskanal im Körper der Seeadler.

Wegen dieser Gefahr war in den Nationalparks des Landes, aber auch in Brandenburg, der Einsatz bleihaltiger Patronen mehrere Jahre verboten. 2008 allerdings kam es zu einem Jagdunfall, der angeblich von einem ungewöhnlich abgeprallten bleifreien Geschoss verursacht wurde. Seitdem mussten die Jäger in den Nationalparks wieder mit bleihaltiger Munition schießen. Gleichzeitig wurde die Deutsche Versuchs- und Prüfanstalt für Jagd- und Sportwaffen (DEVA) beauftragt, das Ablenkverhalten von bleihaltigen und bleifreien Büchsengeschossen zu untersuchen. Je drei gängige bleihaltige und bleifreie Geschosse wurden getestet. 2500 Mal feuerten die Experten auf Baumstämme, Steinplatten, weiche Wege oder simuliertes Gebüsch.

Knapp zwei Jahre später zog der renommierte Schweizer Ballistiker Beat Kneubuehl aus den Ergebnissen den Schluss: "Die beim Abprallen entstehenden Ablenkwinkel bleifreier Geschosse unterscheiden sich nicht signifikant von den Ablenkwinkeln bleihaltiger Geschosse."

Albrecht von Kessel und Jan Baginski, Vorsitzende der Fördervereine Müritz-Nationalpark und Nationalpark Boddenlandschaft sowie Falk Jadszent vom Ökologischen Jagdverein fordern deshalb von der Landesregierung, "bleifreie Munition nach einer kurzen Übergangszeit verpflichtend und landesweit für die Jagd in Mecklenburg-Vorpommern einzuführen".

In den Großschutzgebieten des Landes könnte die bleifreie Wildregulierung sogar sofort umgesetzt werden. Schließlich hatte auch ein Großversuch der Landesforstverwaltung Brandenburg laut Abschlussbericht ergeben, dass Unterschiede zwischen bleihaltiger und bleifreier Munition "nicht an der Materialwahl sondern an der Geschosskonstruktion festzumachen sind".

Auch Volker Böhning, Präsident des Landesjagdverbands, sieht den Streit ums Blei im Geschoss ideologiefrei: "Wenn die Sicherheit der Jäger und der Tierschutz gewährt ist, sehen wir das unproblematisch."

Backhaus jedoch will eine weitere Studie der Fachhochschule Eberswald abwarten. Bislang fehlten Daten zu sehr weiten Schussentfernungen und zu Schüssen auf besonders große Tiere. "Es soll eine Repräsentanz deutscher Jagdverhältnisse für die Jagd auf Schalenwild erreicht werden", teilte ein Sprecher des Ministers mit. Das dauert bis weit ins nächste Jahr. Obwohl das Land als "gutes Vorbild" vorangehen könnte, setzt Backhaus zudem auf eine "bundeseinheitliche Lösung", die vermutlich nur schwer zu erreichen ist.

Dabei bestreitet der Minister gar nicht, dass das Land allein Regeln aufstellen kann. Schließlich hat Rostock in seinen kommunalen Wäldern bereits die Jagd mit bleihaltigen Geschossen verboten. Jeder Revierinhaber habe, so der Ministeriumssprecher, das Recht "in seinem Verfügungsbereich im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten entsprechende Regelungen zu treffen". Wenn er wollte, könnte Backhaus also Einfluss auf die Nationalpark-Verwaltungen und die Landesforstanstalt nehmen.

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