Bitte nicht umgehen - Geschäftsleute in Bad Doberan wehren sich gegen geplante Entlastungsstraße

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02. September 2008, 08:02 Uhr

Bad Doberan - Frank-Andreas Jütte hat auch der seit Jahren bisher vergebens geführte Protest nicht müde gemacht: „Eine Ortsumgehungsstraße in Bad Doberan, unsere Geschäftsleute wollen die nicht“, bringt der Geschäftsmann die Stimmungslage auf den Punkt. „Kommt die Straße, fahren die Leute gleich ganz durch nach Rostock“, befürchtet er wegbleibende Kunden.

Verkehrte Welt in Bad Doberan: Andere Gemeinden in Deutschland fordern jahrelang oft vergebens den Bau einer Umgehungsstraße. Der Bedarf ist bundesweit größer, als er zu decken ist, meinte ein Sprecher des Bundesverkehrsministeriums gestern. Doch an der Ostseeküste wächst die Kritik an einem millionenteuren Straßenbauprojekt.

Die Kritiker bleiben dabei: Die Trasse würde die Kulturlandschaft zerstören. Außerdem habe sich der Verkehr seit der Fertigstellung der nahe gelegenen Autobahn A20 reduziert. Jetzt noch eine Ortsumgehung zu bauen, das würde die Situation des Einzelhandels und der Gaststätten deutlich verschlechtern“, glaubt Jütte.

Keine Einzelmeinung: Die Mehrheit der Stadtverordneten hatte sich gegen das Projekt entschieden. Eine Bürgerinitiative sammelte mehr als 2200 Unterschriften gegen das Projekt und wandte sich an den Petitionsausschuss des Bundestages. Vergebens: Planer von Land und Bund treiben das Projekt trotzdem weiter voran.

Das geht selbst dem Beschwerde-Gremium des Bundestages zu weit, der gestern vor Ort den Straßenbau von Bad Doberan unter die Lupe nahm – mit ernüchterndem Urteil. Zwar sei eine Zunahme des Verkehrs zu erwarten, meinte Heidrun Bluhm, Bundestagsabgeordnete der Linken und Obfrau im Petitionsausschuss, im Anschluss.

Da aber vorwiegend so genannter Zielverkehr erwartet werde, könne eine Umgehungsstraße die Probleme nicht lösen, lehnte sie das Projekt ab. Sie könne „kein Projekt befürworten, bei dem Bundesgeld nicht sinnvoll eingesetzt“ werde.

Außerdem: „Die Politik sollte kein Geld ausgeben, wenn es vor Ort nicht gewünscht wird und die Lasten auf andere verschoben werden.“ Entschieden ist der Straßenstreit damit noch lange nicht. Eine Empfehlung des Ausschusses werde im November erwartet, so Bluhm. Ausgang offen.

Die Situation ist verzwackt. Das Land versteckt sich hinter dem Planungsverfahren: Das Projekt sei als so genannter vordringlicher Bedarf im Bundesverkehrswegeplan festgeschrieben – dann müsse auch gebaut werden, heißt es. „Das Stimmungsbild in Bad Doberan ist derzeit sehr uneinheitlich“, stellte Verkehrsminister Otto Ebnet (SPD) fest. „Solange die Ortsumgehung im Bundesverkehrswegeplan ist, ist das für uns bindend.“

„Das ist ein Schildbürgerstreich“, wetterte FDP-Bundestagsabgeordneter Christian Ahrendt gestern nach dem Krisentreffen in Bad Doberan. Es sei unverständlich, warum bislang neben der Südvariante nicht auch die Verlängerung der teilweise bestehenden und preiswerteren Nordtrasse geprüft worden sei. Ahrendt warnte aber auch: Ist das Projekt im Verkehrswegeplan erst einmal gestrichen, sei es ein für alle mal vom Tisch. „Ich weiß nicht, ob alle Beteiligten das wollen.“

Bad Doberans Bürgermeister Hartmut Polzin (SPD) auf jeden Fall nicht: Trotz der Autobahn 20 nehme der Verkehr weiter zu, glaubt er und lässt Bedenken in seiner Stadt kaum gelten. Vor allem nachts seien verstärkt Lkw unterwegs. Es müssten nicht nur die Auswirkungen auf den Einzelhandel, sondern vor allem auf die Anwohner einkalkuliert werden, meint Polzin und ruft damit bei Heinz Kopp Kritik hervor. „Die Frage der Verkehrsberuhigung wiegt oft schwerer als das Schicksal der Einzelhändler“, beklagt der Chef des Einzelhandelsverbandes.

Doch so sehr Ortsumgehungen in vielen Städten inzwischen für eine Verkehrsberuhigung sorgen, so umstritten sind sie aber auch. Die Konsequenzen einer schnellen Verkehrsverbindung für den Durchgangsverkehr können die Geschäftsleute teuer zu stehen kommen. „Alle Städte mit einer Ortsumgehung haben definitiv verloren“, erklärte Heinz Kopp, Chef des Einzelhandelsverbandes.

Einer Analyse des Verbandes zufolge haben Einzelhändler bis zu 20 Prozent ihres Gesamtumsatzes verloren, wenn die Kraftfahrer aus den Stadtzentren verbannt wurden. Einbußen mussten weniger die Lebensmittelhändler, als vor allem Geschäftsleute im Nonfood-Bereich. Schuhe, Textilien, „da gab es hohe Verluste“, meint Kopp. Beispiel Crivitz: „Die Autofahrer sind schneller an der Stadt vorbei in Schwerin als dass sie in Crivitz einen Parkplatz gefunden haben.“

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