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15. Dezember 2017 | 05:34 Uhr

Bis heute durch Russisch verbunden

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erstellt am 03.Sep.2010 | 06:08 Uhr

Wittenberge | Die Sprache des großen sozialistischen Bruders führte sie einst zusammen und verbindet sie noch heute, die Schüler der ersten Russisch-Klasse Wittenberges. Sie gehörten zu den ersten Kindern der DDR, die Russisch von der dritten Klasse an intensiv lernen sollten, um später als Ingenieure und Fachkräfte beim Aufbau des Sozialismus zu helfen.

"Gegen Ende der zweiten Klasse gab es eine große Elternversammlung in unserer Schule in der Scheunenstraße", erinnert sich Eveline Hartwig anlässlich ihres Klassentreffens 55 Jahre später. "Schüler mit besonders guten Noten wurden mit dem Einverständnis ihrer Eltern in einer Klasse zusammengefasst, die fortan für jeden Tag eine Stunde Russisch im Unterrichtsplan stehen hatte. Und diese Klasse waren wir."

Die Sprache, die heute viele Schüler stöhnen lässt, war damals so selbstverständlich wie Englisch heute. "Es war kein großes Problem, uns darauf einzustellen, wir sind da ja regelrecht reingewachsen", berichtet Eveline Hartwig. Das gelte auch für das Pflichtenglisch, das für die R-Schüler ab Klasse sieben obligatorisch war.

Bis zur 8. Klasse blieben die Schüler in ihrem Verband. "Mancher ist abgesprungen, andere gingen zur EOS", erzählt Eveline Hartwig. "Mit 16 Schülern in der Klasse haben wir die Schule beendet und sind dann in alle Richtungen auseinander gegangen.

Dementsprechend waren die Anreisewege, die die 15 Schüler in Kauf genommen hatten, kamen sie doch aus Wuppertal, Chemnitz, Berlin, Weimar und Nürnberg zurück an die Elbe. 20 Jahre nach Ende der Schulzeit haben sie sich das erste mal wieder getroffen, inzwischen ist es Tradition, alle zwei Jahre am letzten Augustwochenende zusammen zu kommen, um sich an die gemeinsame Zeit zu erinnern.

"Und diese Zeit war absolut fantastisch, denn irgendwie haben alle zusammengehalten", bestätigt Annemarie Kouth. "Beispielsweise als die Jungs am Türdrücker herumgespielt haben und wir deswegen in der Klasse festsaßen, weil das Schloss blockierte", ergänzt Elke Berberich. "Der Hausmeister musste mit der Leiter über das Fenster herein kommen. So fiel auch mal eine Stunde aus, aber keiner wurde verpetzt." Gleiches galt im Fall, als der Musiklehrer sich über den komischen Klang des Klaviers wunderte - und im Innern den Zeigestock fand, berichtet Romuald Hermann.

An den tollen Zusammenhalt erinnert sich auch Klassenlehrer Hansjörg Haering, der bei den Klassentreffen stets mit von der Partie ist. "Ich war 26 als ich die R-Klasse übernommen habe. In den Sommerferien nach der 9. Klasse habe ich mich verlobt, und eigentlich wusste das keiner. Trotzdem standen plötzlich alle Schüler zum Polterabend vor der Tür. Aber die vielen Scherben haben offenbar Glück gebracht." Doch auch er blieb von Scherzen nicht verschont, musste mehr als einmal Papier aus den Kontakten von Physikexperimenten entfernen, die dank der Isolation nicht funktionierten.

Von den vielen gemeinsamen Erlebnissen jenseits des Schulhofes blieb insbesondere die Jugendweihefahrt in Erinnerung. "Das war im Frühling 1961. Die Mauer war noch offen, und so fuhren wir mit der MS Sassnitz nach Schweden", erzählt Eveline Hartwig. "Das war für uns alle unvergesslich."

Und sogar das Russisch hat dem ein oder anderen später geholfen, wenn vielleicht auch nicht zum Aufbau des Sozialismus, aber - wie bei Romuald Hermann - im Beruf. "Ich war zehn Jahre technischer Leiter im Spezialbaubetrieb Potsdam. Wir haben viel für die sowjetischen Streitkräfte, und da konnte ich mit der Leuten ganz anders reden - in ihrer Muttersprache."

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