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Ratgeber: E10 löst Super-Benzin an den Tankstellen ab : Biosprit bleibt ein Ladenhüter

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Zielstrebig greift Schünke zur Zapfpistole. Die neue Benzinsorte Super E10 ignoriert sie, nimmt das bekannte Super mit 95 Oktan. "Von mir aus können sie E10 wieder abschaffen", meint die Kurierfahrerin.

svz.de von
erstellt am 03.Mär.2011 | 11:43 Uhr

Zielstrebig greift Brigitte Schünke zur Zapfpistole. Die neue Benzinsorte Super E10 ignoriert sie, nimmt lieber das bekannte Super mit 95 Oktan. "Von mir aus können sie E10 wieder abschaffen", meint die Kurierfahrerin. Das sei alles nur Geldmacherei. Viele andere Kunden der Jet-Tankstelle An der Krim in Bad Doberan teilen diese Meinung - oder sind einfach nur verunsichert. "Das ist deutlich spürbar", sagt Tankstellenangestellte Cornelia Radtke. Bei ihr ist der neue Biosprit mit zehn Prozent Ethanol aus nachwachsenden Rohstoffen seit eineinhalb Wochen zu haben. Die Kunden interessiert das kaum: "Der Verkauf läuft sehr schleppend."

Umstellung bis Ende März

Dennoch werden auch die übrigen Tankstellen im Land bis Ende März umrüsten - so sieht es ein Gesetz der Bundesregierung vor, die damit einer EU-Vorgabe Folge leistet. Das alte Super soll nach und nach ganz von den Zapfsäulen verschwinden. Die Ölbranche muss in Zukunft mindestens 6,25 Prozent ihres Kraftstoffes, gemessen am Energieinhalt, aus pflanzlicher Produktion verkaufen. Dadurch sollen der klimaschädliche CO2 Ausstoß und die Abhängigkeit vom Öl verringert werden.

Erfüllen die Konzerne die gesetzliche Quote nicht, drohen ihnen für jeden zu wenig beigemischten Liter zwei Cent Strafzahlungen. Sie sind dazu verdammt, den Absatz zu steigern - ein Dilemma, denn rund 70 Prozent der potenziellen Käufer greifen lieber zum bewährten Super Plus, wenn sie das normale Super nicht mehr vorfinden. Auf E10 sind die meisten Autofahrer hingegen nicht gut zu sprechen. "Das ist schlecht für die Motoren, erhöht den Verbrauch und verringert die Reichweite", meint Hannes Wiege. Zudem kritisiert der 26-Jährige den Anbau der benötigten Rohstoffe für die Herstellung: "Woanders verhungern die Menschen." Für ihn steht daher fest, selbst bei fallenden Preisen den Biosprit zu boykottieren.

Doch genau am Preis setzen die Konzerne jetzt an. Um den Absatz zu erhöhen, heben sie den Satz für das 98-Oktan-Gemisch an. "Wir erfüllen nur die Vorgaben des Gesetzgebers", schiebt Klaus Picard, Hauptgeschäftsführer des Mineralölwirtschaftsverbandes (MWV), die Schuld der Politik zu.

Drei Millionen Autos gefährdet

Doch Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) wehrt sich dagegen: "Es war immer klar, dass die Einführung von E10 nicht zur Benachteiligung jener Autofahrer führen darf, deren Fahrzeuge den Kraftstoff nicht vertragen." Betroffen sind davon immerhin rund drei Millionen deutsche Autos. Sie würden mit E10 in ihren Tanks sofort kaputt gehen.

"Wir können unseren Kunden nur raten, sich bei ihrer Werkstatt schlau zu machen", sagt Tankstellenmitarbeiterin Cornelia Radtke. Zwar liege vor Ort auch Informationsmaterial aus, eine Garantie könnten die Tankstellen aber nicht abgeben. Das sei Sache der Fahrzeughersteller.

Die Verkaufsstellen haben außerdem das Problem, dass ihre Vorratsbehälter für das Super 98-Benzin nicht auf die große Nachfrage ausgelegt sind. Laut MWV-Hauptgeschäftsführer Picard müssten einige Tankstellen mittlerweile bis zu viermal täglich angefahren werden, um die Vorräte wieder aufzufüllen. Bislang entfielen lediglich fünf Prozent des Benzinabsatzes in Deutschland auf Super Plus.

Raffinerien unter Druck

Sollte die Lage sich nicht schnell entspannen, müssten bereits Ende der Woche die ersten Raffinerien den Betrieb einstellen - weil sie auf randvollen Tanks mit E10 sitzen. Zusätzliches Benzin mit 98 Oktan können sie kaum herstellen - aus technischen Gründen macht es maximal 20 bis 30 Prozent ihrer Produktion aus. Verweigern die Autofahrer sich dem E10 weiterhin, bleibt der Industrie nur, Super Plus zu importieren - oder den Preis zur Abschreckung weiter anzuheben.

Die Autofahrer sind aber schon jetzt sauer. "Das ist Mist", meint Guido Krüger. Der neue Kraftstoff sei teurer, leiste aber weniger. "Das ist nur ein künstliches Preishochdrücken", schließt sich René Hochgräf an. Nur vereinzelt trifft das E10 auf Zustimmung. "Ich würde es der Umwelt zuliebe tanken, würde mein Wagen es vertragen", sagt Brigitte Prietz.

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