zur Navigation springen

"Bewacher zog die Pistole und erschoss den Häftling"

vom

svz.de von
erstellt am 07.Mai.2010 | 07:02 Uhr

Der Störkanal bildete einen Teil der vom 2. Mai bis zum 1. Juli bestehenden Demarkationslinie (Wismar - Schweriner See - Störkanal - Dömitz) zwischen der Roten Armee und den westlichen Alliierten. Walter Krase und Horst Henning lebten 1945 in Pinnow. Sie waren damals vierzehn und zehn Jahre alt. Den Krieg nahmen sie zunächst als fernes Grollen aus östlicher Richtung war. Später kamen Flüchtlingstrecks, Wehrmachtssoldaten und KZ-Häftlinge. "In den ersten Maitagen fuhren Wehrmachtsfahrzeuge durch unser Dorf. Soldaten saßen auf den Stoßstangen der Fahrzeuge, um angreifende Tiefflieger rechtzeitig zu bemerken. Ein Fahrzeug, das von Tieffliegern anvisiert wurde, hielt im Dorf. Die Soldaten suchten Schutz im Haus meiner Tante. Die Flugzeuge beschossen es. Das Wehrmachtsfahrzeug hatte Benzinfässer an Bord. Sie wurden getroffen und explodierten. Ein Soldat schaffte es nicht mehr ins Haus. Er wurde von den anderen Soldaten am Kastanienbaum im Chausseegraben bestattet.

Die Soldaten gingen zu Fuß in Richtung Schwerin. Auch KZ-Häftlinge wurden die Crivitzer Chaussee entlang getrieben. Die Bewacher hatten Hunde dabei, die wohl auf die Häftlingskleidung abgerichtet waren. Ich sah sie aus dem Erkerfenster unseres Hauses. Vier Häftlinge lagen an einem Chausseebaum. Sie konnten nicht mehr weiter. Mit Fußtritten versuchte einer der Bewacher, sie hochzutreiben. Ein Häftling konnte nicht mehr aufstehen. Da zog der Bewacher die Pistole und erschoss ihn", erinnert sich Horst Henning. Walter Krase erzählt: "Anfang Mai, vielleicht am 2. Mai sahen wir KZ-Häftlinge. Sie holten sich Stroh aus der Scheune und brachten es in den Wald zum Lagern. Am 3. Mai war die Straße noch völlig verstopft mit Wehrmachtsfahrzeugen und Flüchtlingen." Horst Henning ergänzt: "Die Brücke über die Stör war das Nadelöhr. Am Morgen des 3. oder 4. Mai riss jemand die Tür auf und schrie, die Russen kommen. Unser Gehöft waren noch voller Flüchtlinge und deutscher Soldaten. Wir, meine Mutter und mein Bruder, packten ein paar Sachen auf unsere Fahrräder und schoben in Richtung Schwerin. Fahren konnten wir nicht, so verstopft war die Straße. Flüchtlingstrecks, Soldaten und vereinzelte KZ-Häftlinge waren unterwegs. Auf dem Fährberg hielt ein SA-Mann die Treckwagen an. Er wollte eine Panzersperre bauen. In Schwerin kamen beim Onkel meiner Mutter unter. Dort blieben wir bis zur Ankunft der Roten Armee. Wir konnten sie, wie vom Totendamm aus die ersten Russen über den Platz der Jugend in Richtung Marienplatz in die Stadt einrückten."

Walter Krase und seine Familie, Mutter und Geschwister blieben in Pinnow. "Am 2. Mai kamen die Amerikaner und begleiteten die Ostarbeiter über die Stör. Sie waren beritten und ein Jeep war dabei. Wir hatten die Hoffnung, dass die Amerikaner unser Dorf besetzten, aber sie zogen wieder ab", erinnert er sich. Die Frauen versteckten sich. Es nutzte ihnen jedoch wenig. Einige Pinnower nahmen sich aus Furcht vor dem Einmarsch der Roten Armee das Leben.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen