Besuch im Notstandsgebiet

Es sollte eine Sommertour nah bei den Menschen quer durch Mecklenburg-Vorpommern werden: Doch als SPD-Chef Kurt Beck gestern in Güstrow, Stralsund, Greifswald und Wolgast Station machte beherrschte nur ein Thema die Szenerie: Wie geht die Partei mit dem Rauswurf von Ex-SPD-Minister Clement um? Dabei haben die Sozialdemokraten im vorpommerschen SPD-Notstandsgebiet andere Sorgen.

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04. August 2008, 10:23 Uhr

Wolgast - Ehrliche Bewunderung steht im Gesicht von Kurt Beck, als er am Montag auf dem Ausrüstungskai der Peenewerft in Wolgast zu der fast fertiggestellten „Christopher“ hinaufsieht. Von Werftchef Detlef Hegemann erfährt er, dass solche Containerfrachter fast im Zweimonatstakt die Halle verlassen.

Die Schar der Journalisten interessiert das nur am Rande. Ob der drohende Partei-Rausschmiss des ehemaligen nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Wolfgang Clement die SPD jetzt noch tiefer in die Krise ziehe, wollen sie wissen. Und Beck, der noch am Morgen in seinem Greifswalder Hotel eine Stunde lang Telefonkonferenzen mit Parteipräsidium und -vorstand abhielt, bemüht sich um Gelassenheit. Mit der SPD sei es wie im Schiffbau, sagt er. Es seien viele Menschen nötig, um ein Schiff zum Schwimmen zu bringen. Aber dann brauche es einen Kapitän, der im richtigen Moment reagiere, damit es nicht absaufe. Später, bei einer Diskussionsveranstaltung mit Kommunalpolitikern am Montagabend in Güstrow, wendet sich Beck dann doch gegen die heftige Diskussion um Clement in der SPD. „Wir diskutieren dann miteinander so intensiv, dass irgendwann einigen nicht mehr klar ist, dass es um das Ringen um Positionen geht und nicht um innerparteiliche Streitereien. Und dass es im Zweifelsfall um das Ringen mit dem politischen Gegner geht und nicht mit dem politischen Freund.“ Von einer Krise seiner Partei will der SPD-Kapitän aber nichts wissen. Auch MV-Landeschef Erwin Sellering mahnt zu einer sachlichen Debatte.

Tatsächlich haben die Sozialdemokraten in MV andere Sorgen. Die Partei, die im Nordosten gerade 2800 Mitglieder zählt, hat erst vor Wochen bei den Wahlen von Landräten und Bürgermeistern dramatische Verluste hinnehmen müssen. Im 12 300 Einwohner zählenden Wolgast gebe es nur noch 16 Parteimitglieder, sagt Bürgermeister Jürgen Kanehl (SPD), der im Juni gegen seinen Konkurrenten von der Linken die Bürgermeisterwahl verlor.

Dass Beck im „SPD-Notstandsgebiet Vorpommern“ ein Ohr für die Sorgen seiner Genossen hat, bringt ihm am Montag auch Anerkennung ein. „Kann schon sein, dass ich den wählen würde“, sagt Lehrling Johannes Bohlander. Es sei gut, wenn sich die Spitzenpolitiker hier an der Basis blicken ließen, sagt der 19-Jährige: „Allerdings waren in den vergangenen Tagen auch schon (Verteidigungsminister Franz Josef) Jung und (Verkehrsminister Wolfgang) Tiefensee bei uns.“

Beck sieht in der Peenewerft ein „gelungenes Beispiel für den Aufbau Ost“. Es sei großartig zu sehen, was binnen weniger Jahre hier am Peenestrom erreicht worden sei, sagt er. Die neuen Bundesländer bräuchten solche Wirtschaftskerne, die den Menschen eine Chance böten und die Abwanderung stoppen könnten.

Mahnende Worte gab es während eines gemeinsamen Mittagessens mit etwa 30 Betriebsräten in Greifswald. Das Verhältnis zu den Gewerkschaften sei seit der „Rente mit 67“ noch immer unterkühlt, sagt ein Teilnehmer. Auch in Sachen Mindestlöhne, Altersteilzeit und Leiharbeit müsste die Politik stärker auf die Arbeitgeberverbände einwirken.

Am Nachmittag besichtigte der von Ministerpräsident Harald Ringstorff (SPD) begleitete Gast das neue Ozeaneum in Stralsund. Zum Programm von Becks Stippvisite im Norden gehörte ferner ein Abstecher auf das im Wiederaufbau befindliche Segelschulschiff „Gorch Fock I“.

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